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	<title>Friedensbewegung Archive - NIMM und LIES</title>
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		<title>Gedanken zum 25. Jahrestag des Mauerfalls</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alexander Rempel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Nov 2014 21:40:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zum 25. Jah­res­tag des Mau­er­falls hier der Ver­such eines Geden­kens aus ande­rer Sicht. Ich bin 39 Jahre alt, war also zur Wende 14, und hatte die DDR bis dahin als Hort einer wohl­be­hü­te­ten, sehr erfüll­ten Kind­heit und Schul­zeit (in der es auch Pro­bleme gab) erlebt, ohne&#8230; <a class="read-more" href="https://nimm-lies.de/gedanken-zum-25-jahrestag-des-mauerfalls/9165">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum 25. Jah­res­tag des Mau­er­falls hier der Ver­such eines Geden­kens aus ande­rer Sicht.<br />
Ich bin 39 Jahre alt, war also zur Wende 14, und hatte die DDR bis dahin als Hort einer wohl­be­hü­te­ten, sehr erfüll­ten Kind­heit und Schul­zeit (in der es auch Pro­bleme gab) erlebt, ohne mit dem Bekannt­schaft gemacht zu haben, was für so viele Ältere trau­ma­tisch gewirkt hatte: die DDR als Unter­drü­ckungs­staat. Von daher stehe ich die­sem Land ambi­va­lent gegen­über. Meine direk­ten, rea­len Erfah­run­gen sind über­wie­gend und über­aus posi­tiv, mit dem Ver­stand erkenne ich aber die Exis­tenz des Bösen an, ohne die­sem in sei­ner vol­len Aus­for­mung je selbst begeg­net zu sein. Es ist also ein theo­re­ti­sches Wis­sen um jenes Unrecht, wel­ches für meine Eltern wie­derum sehr real war.</p>
<p>Nun mache ich lei­der fol­gende Beob­ach­tung: sehr viele, für die das Schlimme am DDR-System real war, erleb­ten den Wende-Moment als einen sie eupho­ri­sie­ren­den Kol­laps des Ihnen Ver­hass­ten. Die Ein­drü­cke von damals schei­nen sich aller­dings der­ar­tig „posi­tiv trau­ma­tisch“ in die Psy­che der Älte­ren ein­ge­brannt zu haben, dass sie quasi in jenem Moment gefan­gen sind wie in einer Zeit­blase und nicht wie­der her­aus können.<span id="more-9165"></span></p>
<p>Mög­li­cher­weise hat das Glück in zu kur­zer Zeit zu hell gestrahlt und die see­li­sche Netz­haut geblen­det, als hätte man zu lange in die Sonne geschaut. Mög­li­cher­weise sind davon blinde Fle­cke zurück geblie­ben. Denn man­cher wurde in gewis­ser Weise unzu­gäng­lich für die sich seit damals voll­zie­hende Ent­wick­lung — spe­zi­ell der BRD. Wenn man jenen, die den Fall der DDR als ulti­ma­ti­ven, per­sön­li­chen Befrei­ungs­mo­ment ver­in­ner­licht haben, heute sagte, die BRD exis­tiert im Grunde gar nicht mehr bzw. die Zustände in der BRD sind teil­weise schon schlim­mer als jene in der DDR (ich sage aus­drück­lich: teil­weise!), ern­tet man immer wie­der ungläu­bi­ges Nicht-Hören-Wollen oder ver­ächt­li­ches Schnau­fen nach dem Motto „was wisst ihr denn davon“.Des­halb soll hier ein­mal der Blick auf das große Phä­no­men DDR, Wende und die Zeit bis heute spe­zi­ell aus christ­li­cher Sicht gewor­fen wer­den. Denn die Chris­ten in der DDR sind über­wie­gend der Mei­nung, dass die Wende von Gott war und den Men­schen die Frei­heit gebracht hat. Dass die Wende dem­nach als gro­ßer Segen zu ver­ste­hen ist. Das stelle ich in Frage. Jedoch nicht aus Grün­den irgend­ei­ner nost­al­gi­schen Sehn­sucht nach den behü­te­ten Zustän­den mei­ner DDR-Kindheit.<br />
Wenn ein Christ, der in der DDR sozia­li­siert wurde, sagt, die Wende war von Gott und hat uns die Frei­heit gebracht, was meint er dann damit? Was meint er mit „Frei­heit“? In ers­ter Linie ver­mut­lich Glaubens-, Rede-, Mei­nungs– und Rei­se­frei­heit. In zwei­ter Linie wahr­schein­lich die Frei­heit von der all­täg­li­chen Not, dass es „nichts gab“. Zuletzt mög­li­cher­weise auch die Befrei­ung von einer Wäh­rung, die nichts wert war. Aus mensch­li­cher Sicht sind dies tat­säch­lich alle­samt Punkte, die zum Wohl­be­fin­den im Leben bei­tra­gen. Die Frage ist: wel­cher Punkt ist für einen Chris­ten der wirk­lich rele­vante? Berührt eine die­ser „Frei­hei­ten“ das Zen­trum des christ­li­chen Lebens?</p>
<p>Die Ant­wort dar­auf fin­den wir, wenn wir uns ver­ge­gen­wär­ti­gen, was das Zen­trum des christ­li­chen Lebens und wie in die­ser Hin­sicht „Frei­heit“ zu ver­ste­hen ist. Das Zen­trum des Chris­ten ist sein Herr, Jesus Chris­tus. Und Frei­heit in Chris­tus bedeu­tet, von der Welt und vom eige­nen Ich erlöst zu sein. Nun — war es das, womit der Wes­ten warb, womit er lockte, was die Mas­sen auf die Straße trieb und sie sich nach dem Wes­ten aus­stre­cken ließ? Nein, ganz im Gegen­teil. Der Wes­ten warb nicht mit Frei­heit von der Welt und vom Ego, son­dern gerade mit den Freu­den der Welt. Mit Wohl­stand, Mate­ria­lis­mus, Selbst­ver­wirk­li­chung, Geld und Ero­tik. Die Frei­heit des Wes­tens war die Befrei­ung zu Genuss und Hin­gabe an die Welt. Es war die Befrei­ung des Ich und des Fleisches.</p>
<p>Doch: je mehr Frei­heit das Fleisch erlangt, desto stär­ker wird der Geist zurückgedrängt.</p>
<p>DDR-Christen haben das über­wie­gend nicht erkannt. Einer­seits, weil wohl der Lei­dens­druck in der DDR zu groß gewe­sen ist, ande­rer­seits, weil sie mög­li­cher­weise über­töl­pelt wur­den, denn die Wie­der­ver­ei­ni­gung war nicht obers­tes Ziel der Frie­dens­ge­bete und der ers­ten Demons­tra­tio­nen, son­dern es war die Ver­än­de­rung des Lan­des von innen her­aus gewe­sen. Wie schnell dann alles zusam­men­brach und wie über­ra­schend die Wie­der­ver­ei­ni­gung zustande kam, davon wur­den auch die Chris­ten selbst über­rannt. Von die­sem his­to­ri­schen Sog mit­ge­ris­sen fin­den sie bis heute keine andere Erklä­rung, als dass es das über­na­tür­li­che Wir­ken Got­tes gewe­sen sein müsse — obwohl die Auf­ar­bei­tung der tat­säch­li­chen Gescheh­nisse sowie deren hin­ter­grün­di­ges Zusam­men­wir­ken bis heute weder abge­schlos­sen noch über­haupt mit wirk­li­chem Ernst begon­nen wurde.</p>
<p>Über vie­les gibt es bis heute keine Akten­ein­sicht. Der schu­li­sche Geschichts­un­ter­richt endet in der Regel im Jahre 1990 — als wäre damit die Geschichte an ihr Ende gelangt. Das erweckt den Ein­druck, der DDR-Bürger wäre nach dem Ende des real exis­tie­ren­den Arbei­ter– und Bau­ern­staa­tes in eine Art irdi­sche Ewig­keit ein­ge­tre­ten, ein immer­wäh­ren­des Dahin­flie­ßen des Wohl­stan­des, der blü­hen­den Land­schaf­ten und des dau­er­haf­ten Frie­dens. Nichts liegt heute fer­ner. Was ist es also, wohin­ein der DDR-Christ kam?</p>
<p>Objek­tiv betrach­tet muss man fest­stel­len, dass die Chris­ten der DDR nicht von der Unter­drü­ckung in die Frei­heit kamen, son­dern eher vom Regen in die Traufe. Oder sogar schlim­mer. Denn für einen Chris­ten zählt der Ver­lust der irdi­schen Frei­hei­ten gegen­über dem Ver­lust des uner­schüt­ter­li­chen Gegründet-Seins in Chris­tus nur „Dreck“, wie Pau­lus sagen würde. Doch genau die­ser „Dreck“ ist es, dem die Chris­ten nach der Wende sofort nach­zu­ja­gen began­nen, der sie geist­lich gese­hen müde, saft– und kraft­los machte. Die Unter­drü­ckung in der DDR war für das Chris­ten­tum, wie bereits oben dar­ge­legt, ein Segen, weil diese es zu einem star­ken Glau­ben zwang, die Gläu­bi­gen dazu nötigte, das Wort — die Hei­lige Schrift — zu ken­nen und zu verstehen.</p>
<p>Das erste, was den Chris­ten nach der Wende wie­der­fuhr, war — fast zwangs­läu­fig — dass ihr Glau­bens­fun­da­ment aus dem Wes­ten ange­grif­fen wurde. Schwär­me­ri­sche Strö­mun­gen, die sich neben der Bibel auf zusätz­li­che „Offen­ba­run­gen“ berie­fen, Psy­cho­lo­gi­sie­rung des Glau­bens, Ent­ker­nung des Evan­ge­li­ums etwa durch öko­lo­gi­sche Strö­mun­gen, tran­ce­ar­ti­ger Lob­preis, die Rück­wen­dung zu Mys­tik (Visio­nen) und damit zum Seelisch-Fleischlichen, Pre­di­ger aus Über­see, die sich selbst gegen­über Gehor­sam ein­for­der­ten und über­all, wo sie gegen Bares auf­tra­ten, eine „Sal­bung“ her­bei­re­de­ten und soge­nannte „Wun­der“ taten — dies alles in hoch­ge­sto­che­nen Wor­ten und beein­dru­cken­der Büh­nen­per­for­mance, von wel­chen sich die unbe­darf­ten DDR-Christen täu­schen lie­ßen. Mir selbst wie­der­fuhr das eben­falls, doch es war mir ver­gönnt, unter gro­ßen Ent­täu­schun­gen den Irr­tum zu erkennen.</p>
<p>Heute ist das Chris­ten­tum auf dem Gebiet der ehe­ma­li­gen DDR bei wei­tem keine solch starke Bewe­gung mehr, wie es das zu DDR-Zeiten gewe­sen ist. Des­halb steht es den momen­ta­nen Bedro­hun­gen auch nicht nur weit­ge­hend kraft­los, son­dern auch viel­fach blind gegen­über. Hat­ten die Chris­ten der DDR noch den kla­ren Blick für die Miss­stände des Sys­tems, hat­ten sie den Mut diese zu benen­nen und dage­gen beken­nend auf­zu­ste­hen, so zie­hen sie sich heute in ihr durch den hin­zu­ge­won­ne­nen Wohl­stand errich­te­tes Pri­vat­reich zurück, sind bemüht, ihre Kre­dite zu bedie­nen und mög­lichst nichts vom erreich­ten Lebens­stan­dard einzubüßen.</p>
<p>Mit einem Bei­spiel will ich die Gefahr bzw. den Nie­der­gang, in wel­chem sich das Chris­ten­tum der­zeit befin­det, illustrieren.</p>
<p>Einige Zeit besuchte ich eine kleine Gemeinde russ­land­deut­scher Aus­sied­ler. Alle Mit­glie­der waren alte Leute. Ich fragte ein­mal, wo denn die gan­zen Jun­gen wären. Ach, begann ein all­ge­mei­nes Seuf­zen, das sei ihr größ­tes Leid über­haupt: die Kin­der seien alle weg vom Glau­ben. Weil die Alten über­aus fromme Men­schen waren, Luthe­ra­ner und aus der Brü­der­be­we­gung, wun­derte ich mich und fragte, wie es denn dazu gekom­men sei.</p>
<p>Man erzählte mir fol­gen­des: Ab 1990 seien west­li­che Pre­di­ger nach Sibi­rien gekom­men und hät­ten ihnen gepre­digt, die Sowjet­union sei das Reich Satans und sie soll­ten doch in den Wes­ten kom­men. Dort wäre die Frei­heit. Sie frag­ten einen ihrer Ältes­ten, ob man in den Wes­ten gehen oder hier blei­ben solle. Der Alte hatte ihnen geant­wor­tet: wenn ihr etwas für Gott tun wollt, dann bleibt hier, aber wenn ihr ein schö­nes Leben wollt, dann geht. Die meis­ten hät­ten sich dafür ent­schie­den, zu gehen. Die Folge war, dass alle Kin­der vom Glau­ben abfie­len, weil ihnen das Leben im Wes­ten zu viele Mög­lich­kei­ten bot und der Glaube für sie nicht mehr attrak­tiv war. Die alten, im Glau­ben Geprüf­ten, blie­ben zwar ihrem Herrn treu und leb­ten auch im Wes­ten ihr beschei­de­nes Leben wei­ter. Doch sie muss­ten mit anse­hen, wie Ihre Kin­der ver­lo­ren gin­gen. Einige seien sogar schon wie­der nach Russ­land zurück­ge­kehrt. Viele, die wei­ter hier geblie­ben waren, wür­den es sehr bereuen, in den Wes­ten gegan­gen zu sein … Die Leute hat­ten Trä­nen in den Augen, als sie davon erzähl­ten und sahen mich mit fra­gen­dem Blick an — als ob ich ihnen hel­fen könnte.</p>
<p>Ich frage mich: was unter­schei­det die DDR-Christen eigent­lich von jenen Russland-Deutschen?</p>
<p>Mein Fazit nach 25 Jah­ren Mau­er­fall lau­tet deshalb:</p>
<p>Bevor es einen Grund zum Fei­ern gibt, besteht hun­dert, ja tau­send­fach Grund, in Sack und Asche zu gehen und Buße zu tun.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://nimm-lies.de/gedanken-zum-25-jahrestag-des-mauerfalls/9165">Gedanken zum 25. Jahrestag des Mauerfalls</a> erschien zuerst auf <a href="https://nimm-lies.de">NIMM und LIES</a>.</p>
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