Heute möchte ich auf dieses kurze Büchlein aufmerksam machen, das Prolegomena für jedes hermeneutische Werk sein dürfte. Ich denke, das man heute über Hermeneutik so reden kann, dass der Eindruck entsteht, dass es eigentlich kaum möglich ist, die Bibel zu verstehen, und dass man zunächst unzählige hermeneutische Werkzeuge beherrschen muss, in die Kulturgeschichte zu investieren hat und eigentlich so wieso immer auf Experten angewiesen ist. Ohne diese Beiträge zu schmälern verteidigt Thompson in diesem Werk, das Lesen der Bibel in der Gegenwart Gottes.
Für mich ein äußerst zentrales Thema, das von vielen Seiten angegriffen wurde und angegriffen wird: Thompson arbeitet z.B. sauber heraus, dass die Debatte zwischen Erasmus und Luther über die Freiheit des Willens hinter dieser Frage vor allem ein Streit darüber ist, ob die Bibel klar und bestimmt verstanden werden kann. Erasmus sieht die Schrift als schwer verständlich, die nicht so ohne weiteres eindeutig z.B. über den Willen in Bezug auf das Heil spricht und er hat auch eine Lösung für das Problem: Die Kirche bringt Licht dafür, wie solche Themen zu verstehen sind. Diesem hält Luther die Klarheit der Schrift entgegen, ein Thema, das die Reformatoren von nun an häufig zu verteidigen hatten.
Heute jedoch sind die Angriffe auf die Klarheit der Schrift oft gänzlich anderer Natur. Die Auslegung der Schrift ist Gelehrtensache geworden und die Rolle des Papstes nimmt oft der Theologieprofessor (oder der Endzeitexperte) ein, der jederzeit mit päpstlicher Autorität festzulegen vermag, welche Auslegung den gerade gilt. Weiterlesen