Die ersten Begegnungen mit evangelischen Theologen waren für mich herausfordernd. Sie besaßen so viel technisches Wissen, dass ich mir mit meiner alten Bibel ganz armselig vorkam. Erst mit der Zeit verstand ich, dass selbst gut ausgebildete Theologen noch Jahrzehnte nach ihrem Studium eine fatale Abhängigkeit besitzen. Für ihre Auslegungen sind sie von gegenwärtig gültigen Interpretationsrahmen abhängig. Einerseits hatte man gelernt, noch einzelne Passagen der Mosebücher unterschiedlichen mutmaßlichen Quellen und Redaktionsschichten zuzuordnen – jahwistischen, deuteronomistischen oder priesterlichen Traditionen. Andererseits ging regelmäßig die viel grundlegendere Fähigkeit abhanden, selbstständig mit dem biblischen Text zu arbeiten.
Ich kann nicht anders, als zutiefst zu beklagen, dass eine so große Anzahl derart begabter Menschen bei all der technischen Raffinesse oft niemals gelernt hat, selbstständig in der eigenen Bibel zu lesen.
Nun ist es natürlich eine Sache, was Theologen oder Bibelkritiker unternehmen. Wichtiger ist ja die Frage: Was mache ich? Und doch scheinen hier die Evangelikalen das gleiche Grundproblem zu besitzen. Denn eine Parallele lässt sich kaum leugnen: Auf der einen Seite der akademische Theologe, der scheinbar selbstständig urteilt, tatsächlich aber stark von den gerade anerkannten wissenschaftlichen Paradigmen abhängig sein kann. Auf der anderen Seite der Evangelikale, der sich auf die Autorität der Schrift beruft, seine konkrete Auslegung aber von Liebi, Plock, Memra, Riemenschneider oder anderen übernimmt.
So viele Unterschiede und doch ein Grundproblem: Beide lesen die Schrift nicht mehr selbstständig, sondern durch einen vorgegebenen Interpretationsrahmen.
Viele Jahre dominierte in meiner Peer-Group klar die Gruppe der „Liebi-Jünger“. Dabei habe ich weniger Probleme mit R. Liebi (in den wichtigen Dingen sind wir uns einig) als mit der kaum zu zählenden Schar all jener, die unreflektiert wiedergeben, was sie in einem der zahlreichen Liebi-Videos gesehen haben. Niemals hätte ich das öffentlich beklagt, wenn das Einzelfälle gewesen wären. Doch falsch wäre es, das Problem nicht anzusprechen, angesichts ganzer Horden, die erst dann bereit sind, zu etwas eine Meinung zu äußern, wenn sie dazu einen Vortrag von Person X gehört haben. Dabei ist oft genug zu beobachten, dass sogar die Bereitschaft fehlt, überhaupt und auch nach Aufforderung zur Bibel zu greifen und nachzulesen. Man hielt gelegentlich selbst das für überflüssig, schließlich habe man ja ein „Video gesehen“.
Beispiele gesucht? So viele wissen, dass Calvinismus gefährlich ist, aber nicht, weil sie hier in der Bibel geforscht hätten. Nein, dafür gibt es ja ein Video von X (wähle deine Vertrauensperson weise). Sollte eine biblische Haltung und Position so einfach erfasst werden können, dass man sich ein YouTube-Video dazu anschaut?
So viele sind überzeugte Dispensationalisten, aber nicht deswegen, weil sie sich so viele Gedanken über die Endzeit gemacht haben. In wenigen Jahren konnte ich erleben, wie ganze Vereinigungen sich nun eisern auf „die Wiederkunft Christi vor der Trübsal“ festlegen (davor war man sich nicht sicher), weil ganze Gemeinden der einen Auslegung folgten, die man in einem entsprechend gewählten Podcast/Video verfolgt hat.
Es erscheint gelegentlich, dass „Prüfet alles und das Gute behaltet“ (1. Thess. 5,21) – dieser gerade für russlanddeutsche Christen wichtige Grundsatz – so häufig für die eigenen Lieblingsprediger eine Ausnahme erfährt. Dabei schämten sich die Beröer nicht, selbst die Aussagen eines so wichtigen Influencers wie des Apostels Paulus anhand der Schrift zu prüfen (Apg. 17,11).
Mögliche Ursachen für die beschriebenen Symptome sind:
- Unsicherheit („Ich kann das doch gar nicht beurteilen“)
- Autoritätssehnsucht („Sag mir, was richtig ist“)
- Gruppenzugehörigkeit („Bei uns sieht man das so“)
- und Angst vor Irrtum.
Dieser letzte Aspekt ist interessant: Man delegiert sein Urteil an einen Lehrer, weil man meint, dadurch sicherer vor Irrlehre zu sein!
Zwei weitere Ursachen existieren, die wir erwähnen müssen:
- Mangelnde Schriftkenntnis
- Faulheit
Beide hängen zusammen, da Bibellesen immer Fleiß erfordern wird. Sich einem Thema aus biblischer Perspektive zu stellen, würde einiges an Zeit, Mühe und Reflexion erfordern. Es stehen hier 70 h Eigenarbeit im Kontrast zu 70 min Streaming. Dass 70 min als der schnelle Weg zum Glück erscheinen, ist hier wirklich nachvollziehbar.
Der Preis für die gewonnene Zeitersparnis ist aber der Verlust intellektueller Mündigkeit und biblischer Selbstständigkeit – Aspekte, die heute sowieso nicht mehr beliebt sind. Denn in der Tat werden wir regelmäßig zur geistlichen Unmündigkeit erzogen. Womöglich produziert ein autoritäres Gemeindeverständnis gerade jene Abhängigkeit von Internetpredigern, über die es sich anschließend beklagt. Wenn der Christ jahrzehntelang lernt, dass richtige Lehre darin besteht, die richtige Autorität zu kennen und ihr zu folgen, ist es nicht überraschend, wenn er irgendwann lediglich die Autorität austauscht: Früher – „der Bruder hat gesagt“, heute – „Liebi hat gesagt“. Alter Wein in neuen Schläuchen!
Ist der Gegenentwurf nun Trotz und Individualismus? Nein, biblische Mündigkeit bedeutet nicht, ohne Lehrer auszukommen, sondern so von den Lehrern zu lernen, dass ich immer mehr von der Autorität des Wortes Gottes abhängig werde. Wie gut wäre es, wenn es nicht mehr heißen würde: „Person X hat etwas gesagt“, sondern: „Person X hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, und überzeugt hat mich schließlich der Bibeltext X.“







Ich fragte Egelkraut damals, was sein Lieblingsbuch neben der Bibel wäre und er nannte mir einen damals gänzlich unbekannten Titel: