Vor bald sechs Jahren, durfte ich den bekannten Theologen Helmuth Egelkraut noch kurz vor seinem Tode besuchen und ein sehr erbauliches Gespräch mit dem Autor einer hervorragenden Einführung in das Alte Testament führen.
Ich fragte Egelkraut damals, was sein Lieblingsbuch neben der Bibel wäre und er nannte mir einen damals gänzlich unbekannten Titel: „Zu Gast auf einem schönen Stern“ von Helmut Thielicke und damit einen Theologen, der mir damals gänzlich unbekannt war, und einen Titel, der mir befremdlich erschien, obwohl wohl kaum ein Theologe in der Nachkriegszeit bis in die 90er mehr in Deutschland gelesen wurde als Thielicke und auch diese seine Autobiogrpaphie, die Thielicke wenige Jahre vor seinem Tode verfasst hatte, in zahlreichen Neuauflagen in den 80ern und 90ern des vergangenen Jahrhunderts veröffentlicht wurde.
Es sollte aber noch einige Zeit dauern, bis ich mir dieses Buch anschaffte, und noch weitere Monate, bis ich dazu kam, dieses Buch zu lesen. Mich ließ in dieser Zeit der Gedanke keine Ruhe, was denn ein Egelkraut so Gutes an so einem Buch finden könne.
Doch als ich es aufschlug, wurde mir das bereits nach einigen Seiten klar. Bereits nach etwa zwanzig Seiten habe ich unterlassen, in dieser Autobiographie lesenswerte Stellen zu markieren, da es einfach zu viele wurden.
Das liegt an der Menge der vielen Erinnerungen, die hier „Perle“ für „Perle“ nur sehr selten zu weitschweifig aneinandergereiht werden. Thielicke erinnert sich an seine Lehrer, seine Pfarrer, seine erste Liebe, seinen Aufklärungsunterricht und berichtet viele sehr anschauliche und lehrreiche Details. Dabei hat Thielicke einiges durchgemacht: Als Kind den Ersten Weltkrieg, als Student eine misslungene Operation, die jahrelange langwierige Klinikaufenthalte nötig macht und im Dritten Reich als klarer Vertreter der Bekennenden Kirche.
Mit zunehmendem Alter werden die genannten Begegnungen interessanter. So berichtet Thielicke von seinen Besuchen als Doktorand bei Karl Barth, von den Disputationen mit seinem Mitdozenten Karl Jaspers , vom Besuch der Vorlesungen Rudolf Bultmanns, und vor allem von seiner Zusammenarbeit mit einem der wenigen Landesbischöfen, die zur bekennenden Kirche gehörten, Theophil Wurm. Auch seine Begegnungen mit dem Wehrmacht-Widerstand (Stichwort 20. Juli) sind äußerst lesenswert.
An all diese Begegnungen erinnert sich Thielicke mit Freude und ihm gelingt es durchgehend ein Bild zu zeichnen, das immer fair gilt, sowohl die charakterlichen Schwächen als auch die Gaben und Fähigkeiten der Gezeichneten mitgibt. In einigen Fällen waren diese biographischen Schilderungen aber sicherlich etwas zu idealistisch und erinnerten mich an die biographischen Schilderungen von Stefan Zweig.
In besonderer Weise ergreifend waren die Schilderungen der Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Für einen Württemberger ist das Buch in besonderer Weise durch den Fakt interessant, dass Thielicke als „Exiltheologe“ ab den dreißiger Jahren bis in die fünfziger Jahre in Württemberg tätig ist. Er berichtet von seinen Begegnungen in Ravensburg, Heidelberg, Tübingen, Stuttgart und Kornthal. Besonders bewegend fand ich in diesem Zusammenhang die Begegnung mit dem Grafen Pückler in Gaildorf. Das geschah nur wenige Kilometer entfernt von meinem ursprünglichen Heimatort Schwäbisch Hall. Durch diese zahlreichen Schilderungen wird die Autobiographie zu einem wertvollen Dokument der näheren protestantischen Kirchengeschichte in Deutschland.
Da Thielicke sehr vielen sehr unterschiedlichen Personen begegnet ist, die ihm wiederum nicht immer sonderlich wohlgesonnen waren, war das Buch für mich persönlich ein Brunnenquell an Inspirationen, wie man an Gespräche herangeht. Ich merke, wie meine Art zu kommunizieren seit der Begegnung mit Thielicke einfach reifer und ausgewogener geworden ist. Aus den zahlreichen Beispielen sei die Praxis Thielickes aufgeführt, kritische Gespräche zeitnah schriftlich festzuhalten. Oder aber, wie er schildert, wie er sich schon ganz zu Beginn des dritten Reiches klare Regeln gesetzt hat, wie er sich gegenüber den Nazi-Schergen zu verhalten habe.
Dieses Beobachten seiner selbst durch autobiographische Notizen scheint das Fundament dieser Autobiographie zu sein. Man merkt dem Aufbau des Buches an, dass es aus vielen kleinen Bausteinen besteht, die nicht immer nahtlos in einander passen. Manchmal bleibt man als Leser etwas verlassen zurück. So schildert Thielicke zwar ausführlich alle seine Lehrer und viele seiner Theologie-Dozenten, erwähnt aber mit keinem einzigen Wort, wie er auf die Idee, Theologie zu studieren, überhaupt gekommen ist. Andererseits ist aber diese Struktur der kleinen thematischen Blöcke, die sich fast wie ein „Blog-Tagebuch“ anfühlt, gerade für einen eiligen Leser, wie mich ideal. Wenn ich das Buch zur Seite legen musste, hatte ich selten das Gefühl, „mitten drin“ unterbrochen worden zu sein.
Thielicke ist ein beständiger Selbstbeobachter und das gelingt ihm über weite Strecken äußerst gut. Dass noch bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Pfarrer, und erst recht ein Professor für Theologie, eine äußerst angesehene Persönlichkeit war, ist mir erst durch die Lektüre dieses Buches aufgegangen. Damit bleibt aber ein gewisses befremdliches Element dieser Erinnerungen Thielickes. Sie erscheinen zu sehr in einer elitären intellektuellen, künstlerischen oder auch gar politischen Bubble verhaftet zu sein. Thielicke scheint sich immer tadellos selbst in den Kreisen höchster Politik zu bewegen – dadurch gehen aber potenzielle Berührungspunkte mit mir, „dem normalsterblichen Leser“, verloren.
Diese „Schwäche“ des Buches tut aber der insgesamt hohen Qualität und den zahlreichen Inspirationen dieses Buches kaum einen Abbruch, und ich muss Egelkraut danken, dass er mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat.
Das Buch ist mittlerweile auch auf sermon-online.com kostenfrei erhältlich.