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Christlicher Glaube in den Herausforderungen unserer Zeit

Das Werk Christlicher Glaube in den Herausforderungen unserer Zeit liegt als vierbändiger Sammelband vor und ist im Umfeld der Konferenz Jesus25 entstanden. Die Reihe versammelt eine Vielzahl von Beiträgen zu zentralen Fragen des evangelikalen Glaubens und versteht sich insgesamt weniger als Spezialstudie, sondern als theologische Standortbestimmung.

Die vier Bände behandeln die Themen

  1. Heilige Schrift,
  2. Jesus Christus,
  3. Biblische Ethik und
  4. Die evangelikale Bewegung.

Ich möchte zunächst einige Bemerkungen zum Gesamtwerk machen und anschließend die einzelnen Bände vorstellen.


Zum Gesamtwerk

Das Besondere dieser Sammelbände liegt in der außergewöhnlichen Breite der Autorenschaft. Neben theologischen Fachvertretern kommen bewusst auch Laien zu Wort. Vertreten sind Autoren aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Großbritannien. Die Altersspanne reicht vom Jahrgang 1996 bis zu Autoren wie Rolf Hille (1947) und Ulrich Parzany (1941). Auch weibliche Stimmen sind vertreten, etwa durch Nicola Vollkommer. Auffällig und erfreulich ist zudem die Beteiligung russlanddeutscher Autoren wie Heinrich Derksen.

Neben Theologen finden sich auch Naturwissenschaftler unter den Beiträgern, etwa Reinhard Junker oder Markus Till. Entsprechend unterschiedlich sind Länge und Anspruchsniveau der einzelnen Artikel: von kurzen, allgemeinverständlichen Texten bis hin zu umfangreichen, wissenschaftlich argumentierenden Essays.

Diese Vielfalt ist zugleich Stärke und Herausforderung des Gesamtwerks. Es eignet sich weniger zur fortlaufenden Lektüre, dafür umso mehr als Nachschlage- und Orientierungswerk. Gerade in digitaler Form (z. B. als Logos-Ausgabe) entfaltet diese Struktur ihren Nutzen.


Band 1: Die Heilige Schrift

Besonders hervorzuheben ist in diesem Band der Essay von Markus Till, „Die Bibel – was ist das eigentlich?“. Till gelingt es in bemerkenswerter Weise, auch in zugespitzten theologischen Debatten sachlich und differenziert zu argumentieren.

Ein zentrales Anliegen des Beitrags ist die Frage nach der Irrtumslosigkeit der Schrift. Till zeigt überzeugend, dass diese Lehre keineswegs ein modernes Produkt amerikanischen Fundamentalismus ist, sondern sich durch die Kirchengeschichte seit den Kirchenvätern zieht. Seine Argumentation verbindet historische Sachkenntnis mit theologischer Klarheit.

Zugleich macht er deutlich, dass die Schriftfrage keine rein akademische, sondern eine zutiefst praktische Frage des Gemeindelebens ist. Er formuliert zugespitzt:

„Eigentlich sollte das nicht so sein bei uns. Denn die Reformatoren haben die Kirche ja auf einem Prinzip aufgebaut, das sich ‚Sola Scriptura‘ nennt: Allein die Schrift soll herrschen.“

Entscheidend ist dabei nicht, welches Bibelverständnis subjektiv bevorzugt wird, sondern wie sich die Bibel selbst versteht. Schrift und Offenbarung lassen sich nach Till nicht voneinander trennen. Der Beitrag schließt mit einem wichtigen Hinweis auf die notwendige Demut in der Auslegung – ein Gedanke, der den gesamten Band prägt.

Ergänzt wird dieser Themenkomplex durch Beiträge von Ron Kubsch, Matt Studer sowie einen neu aufgelegten Klassiker zur Kanonfrage von John Wenham, der betont: Nicht die Kirche begründet den Kanon, sondern der Kanon geht der Kirche voraus.


Band 2: Jesus Christus

Der zweite Band enthält mehrere allgemeinverständliche, teilweise evangelistisch geprägte Beiträge von Ulrich Parzany und Rolf Hille. Theologisch besonders gewichtig sind jedoch die Artikel

  • „Das Kreuz“ (Markus Till),
  • „Für unsere Sünde“ (Martin Grünholz) und
  • „Die leibliche Auferstehung Jesu“ (Johannes Kovar).

Der Beitrag von Johannes Kovar verdient besondere Aufmerksamkeit. In sorgfältiger exegetischer Arbeit setzt er sich mit gängigen naturalistischen Erklärungsmodellen der Auferstehung auseinander und zeigt deren Schwächen auf. Zugleich arbeitet er heraus, dass die neutestamentlichen Texte bewusst konkret-körperlich von den Begegnungen mit dem Auferstandenen sprechen.

Besonders aufschlussreich sind Kovars Wortstudien sowie seine Beobachtungen zur Septuaginta, die bereits vorchristlich eine ausgeprägte Auferstehungssprache entwickelt. Entscheidend ist dabei: Eine sofortige leibliche Auferstehung mitten in der Geschichte war für das Judentum der Zeit völlig unerwartet.

Der zentrale Gedanke des Essays lautet:

„Auffällig ist die Betonung des Körperlichen.“

Damit stellt der Beitrag eine heilsame Korrektur allzu „vergeistigter“ Auferstehungsvorstellungen dar.


Band 3: Biblische Ethik

Der dritte Band ist der umfangreichste und zugleich der umstrittenste. Der Schwerpunkt liegt deutlich auf Fragen der Sexualethik. Diese Schwerpunktsetzung ist sachlich nachvollziehbar, führt jedoch dazu, dass andere ethische Themen nur am Rand behandelt werden.

Einige Beiträge bleiben angesichts der Komplexität der Themen zu kurz. Besonders der Artikel zur Nachhaltigkeit wirkt in diesem Kontext wenig überzeugend. Positiv hervorzuheben sind jedoch einzelne Essays, etwa Johannes Traichels „Der Kampf um die Liebe“.

Besonders anregend ist der Beitrag von F. Grassl, „Die ganze Person: Grundzüge einer Theologie des Leibes“. Der hier entwickelte Gedanke, dass Geschlechtlichkeit nicht bloß eine körperliche Eigenschaft, sondern eine metaphysische Realität ist, eröffnet weiterführende theologische Perspektiven.


Band 4: Die evangelikale Bewegung

Entgegen anfänglicher Skepsis meinerseits, erwies sich der vierte Band als besonders lesenswert. Er enthält zunächst eine allgemeinverständliche Darstellung der überarbeiteten Glaubensbasis der Evangelischen Allianz (2018).

Besonders wertvoll sind die abschließenden historischen Essays zur evangelikalen Bewegung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Frank Hinkelmann analysiert differenziert Strömungen, Institutionen, Medien und Gemeindeverbände und beleuchtet auch Spannungen innerhalb der Bewegung.

Nachdenklich stimmen die abschließenden Überlegungen zur Identitätsfrage der Evangelikalen. Die Vielfalt der Frömmigkeitsformen darf nicht zur Auflösung theologischer Mitte führen. Das Schlusszitat bringt diese Sorge prägnant auf den Punkt:

„Die Zukunft der Gesamtbewegung wird nicht zuletzt davon abhängen, ob man diese Entwicklung stoppen und zu einer lebendigen, gesunden Theologie zurückfinden kann.“

Der Vergleich der Glaubensbasis von 1972 und 2018 wirft dabei berechtigte Fragen nach inhaltlichen Verschiebungen auf – insbesondere im Blick auf Schriftverständnis, Rechtfertigungslehre und das allgemeine Priestertum.


Schlussbemerkung

Insgesamt bietet Christlicher Glaube in den Herausforderungen unserer Zeit einen gelungenen Überblick über zentrale evangelikale Überzeugungen. Der Band ist kein abschließendes Lehrbuch, sondern eher eine theologische Visitenkarte: Was wir Evangelikale glauben – und warum.

Gerade durch die Mischung aus allgemeinverständlichen und anspruchsvolleren Beiträgen eignet sich das Werk gut als Einstieg, Orientierung und Nachschlagewerk.

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