Alle Artikel in der Kategorie “Biblische Lehre

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Die Alternative zum selbstständigen Bibellesen ist Menschenabhängigkeit

Die ersten Begegnungen mit evangelischen Theologen waren für mich herausfordernd. Sie besaßen so viel technisches Wissen, dass ich mir mit meiner alten Bibel ganz armselig vorkam. Erst mit der Zeit verstand ich, dass selbst gut ausgebildete Theologen noch Jahrzehnte nach ihrem Studium eine fatale Abhängigkeit besitzen. Für ihre Auslegungen sind sie von gegenwärtig gültigen Interpretationsrahmen abhängig. Einerseits hatte man gelernt, noch einzelne Passagen der Mosebücher unterschiedlichen mutmaßlichen Quellen und Redaktionsschichten zuzuordnen – jahwistischen, deuteronomistischen oder priesterlichen Traditionen. Andererseits ging regelmäßig die viel grundlegendere Fähigkeit abhanden, selbstständig mit dem biblischen Text zu arbeiten.

Ich kann nicht anders, als zutiefst zu beklagen, dass eine so große Anzahl derart begabter Menschen bei all der technischen Raffinesse oft niemals gelernt hat, selbstständig in der eigenen Bibel zu lesen.

Nun ist es natürlich eine Sache, was Theologen oder Bibelkritiker unternehmen. Wichtiger ist ja die Frage: Was mache ich? Und doch scheinen hier die Evangelikalen das gleiche Grundproblem zu besitzen. Denn eine Parallele lässt sich kaum leugnen: Auf der einen Seite der akademische Theologe, der scheinbar selbstständig urteilt, tatsächlich aber stark von den gerade anerkannten wissenschaftlichen Paradigmen abhängig sein kann. Auf der anderen Seite der Evangelikale, der sich auf die Autorität der Schrift beruft, seine konkrete Auslegung aber von Liebi, Plock, Memra, Riemenschneider oder anderen übernimmt.

So viele Unterschiede und doch ein Grundproblem: Beide lesen die Schrift nicht mehr selbstständig, sondern durch einen vorgegebenen Interpretationsrahmen.

Viele Jahre dominierte in meiner Peer-Group klar die Gruppe der „Liebi-Jünger“. Dabei habe ich weniger Probleme mit R. Liebi (in den wichtigen Dingen sind wir uns einig) als mit der kaum zu zählenden Schar all jener, die unreflektiert wiedergeben, was sie in einem der zahlreichen Liebi-Videos gesehen haben. Niemals hätte ich das öffentlich beklagt, wenn das Einzelfälle gewesen wären. Doch falsch wäre es, das Problem nicht anzusprechen, angesichts ganzer Horden, die erst dann bereit sind, zu etwas eine Meinung zu äußern, wenn sie dazu einen Vortrag von Person X gehört haben. Dabei ist oft genug zu beobachten, dass sogar die Bereitschaft fehlt, überhaupt und auch nach Aufforderung zur Bibel zu greifen und nachzulesen. Man hielt gelegentlich selbst das für überflüssig, schließlich habe man ja ein „Video gesehen“.

Beispiele gesucht? So viele wissen, dass Calvinismus gefährlich ist, aber nicht, weil sie hier in der Bibel geforscht hätten. Nein, dafür gibt es ja ein Video von X (wähle deine Vertrauensperson weise). Sollte eine biblische Haltung und Position so einfach erfasst werden können, dass man sich ein YouTube-Video dazu anschaut?

So viele sind überzeugte Dispensationalisten, aber nicht deswegen, weil sie sich so viele Gedanken über die Endzeit gemacht haben. In wenigen Jahren konnte ich erleben, wie ganze Vereinigungen sich nun eisern auf „die Wiederkunft Christi vor der Trübsal“ festlegen (davor war man sich nicht sicher), weil ganze Gemeinden der einen Auslegung folgten, die man in einem entsprechend gewählten Podcast/Video verfolgt hat.

Es erscheint gelegentlich, dass „Prüfet alles und das Gute behaltet“ (1. Thess. 5,21) – dieser gerade für russlanddeutsche Christen wichtige Grundsatz – so häufig für die eigenen Lieblingsprediger eine Ausnahme erfährt. Dabei schämten sich die Beröer nicht, selbst die Aussagen eines so wichtigen Influencers wie des Apostels Paulus anhand der Schrift zu prüfen (Apg. 17,11).

Mögliche Ursachen für die beschriebenen Symptome sind:

  • Unsicherheit („Ich kann das doch gar nicht beurteilen“)
  • Autoritätssehnsucht („Sag mir, was richtig ist“)
  • Gruppenzugehörigkeit („Bei uns sieht man das so“)
  • und Angst vor Irrtum.

Dieser letzte Aspekt ist interessant: Man delegiert sein Urteil an einen Lehrer, weil man meint, dadurch sicherer vor Irrlehre zu sein!

Zwei weitere Ursachen existieren, die wir erwähnen müssen:

  • Mangelnde Schriftkenntnis
  • Faulheit

Beide hängen zusammen, da Bibellesen immer Fleiß erfordern wird. Sich einem Thema aus biblischer Perspektive zu stellen, würde einiges an Zeit, Mühe und Reflexion erfordern. Es stehen hier 70 h Eigenarbeit im Kontrast zu 70 min Streaming. Dass 70 min als der schnelle Weg zum Glück erscheinen, ist hier wirklich nachvollziehbar.

Der Preis für die gewonnene Zeitersparnis ist aber der Verlust intellektueller Mündigkeit und biblischer Selbstständigkeit – Aspekte, die heute sowieso nicht mehr beliebt sind. Denn in der Tat werden wir regelmäßig zur geistlichen Unmündigkeit erzogen. Womöglich produziert ein autoritäres Gemeindeverständnis gerade jene Abhängigkeit von Internetpredigern, über die es sich anschließend beklagt. Wenn der Christ jahrzehntelang lernt, dass richtige Lehre darin besteht, die richtige Autorität zu kennen und ihr zu folgen, ist es nicht überraschend, wenn er irgendwann lediglich die Autorität austauscht: Früher – „der Bruder hat gesagt“, heute – „Liebi hat gesagt“. Alter Wein in neuen Schläuchen!

Ist der Gegenentwurf nun Trotz und Individualismus? Nein, biblische Mündigkeit bedeutet nicht, ohne Lehrer auszukommen, sondern so von den Lehrern zu lernen, dass ich immer mehr von der Autorität des Wortes Gottes abhängig werde. Wie gut wäre es, wenn es nicht mehr heißen würde: „Person X hat etwas gesagt“, sondern: „Person X hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, und überzeugt hat mich schließlich der Bibeltext X.“

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Kevin DeYoung: Christsein schaft eh keiner

Kevin DeYoung: Christsein schafft eh keiner oder Warum Jesus nachzufolgen nicht bedeutet, die Welt zu retten, auf alles eine Antwort zu haben, sich mit geistlichem Stillstand abzufinden oder ständig ein schlechtes Gewissen zu haben.

2026 bei Verbum Medien erschienen

Taschenbuch,144 Seiten.

Preis:11,90

Es muss für einen Nachfolger Jesu möglich sein, die Worte zu hören „Recht so, du guter und treuer Kencht!“ ohne dass er politisch engagiert, Vollzeitblogger oder Sozialarbeiter ist.“

Was sind eigentlich die Gründe dafür, dass Christen zu der Überzeugung gelangen, ein gottwohlgefälliges Leben, echte Nachfolge und ein gerechter, heiliger Lebensstil seien letztlich unerreichbar? Die Ursachen sind vielfältig. Genau diesen geht Kevin DeYoung in seinem schmalen Büchlein nach und zeigt auf, wie Christen geradezu darauf programmiert werden, sich als „ständige Versager“ zu empfinden.

DeYoung beleuchtet dazu unterschiedliche Lebensbereiche. Ein Beispiel ist unsere „Stille-Zeit-Kultur“. Warum erklären wir die persönliche Stille Zeit zu einem zentralen Element eines gottesfürchtigen Lebens? In der Praxis führt das oft dazu, dass man pflichtbewusst fünf bis zehn Minuten in der Bibel liest und seine geistliche Checkliste abhakt, ohne tatsächlich in die Beziehung zu Gott zu investieren. Ähnlich verhält es sich mit dem Missionsbefehl: Aus einem Auftrag an die Gemeinde ist vielfach eine rein individuelle Verpflichtung geworden. DeYoung weist treffend darauf hin, dass, wenn der erste Teil („Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“) für jeden Einzelnen gelten soll, dies konsequenterweise auch für den zweiten Teil gelten müsste („und taufet sie…“). Während Letzterer jedoch richtigerweise als Auftrag der Gemeinde verstanden wird, wird beim ersten Teil oft weniger differenziert gedacht.

So entwickeln wir nicht selten eine „Niemals-genug“-Mentalität, die sich biblisch kaum begründen lässt. Gerade hier liegt eine besondere Stärke des Buches: DeYoung schreibt als erfahrener Pastor und Prediger und benennt ein weitverbreitetes Problem(S. 63) :

„Als Prediger weiß ich, wie man eine Predigt hält, die allen Zuhörern ins Gewissen redet. Man könnte meinen, dass eine gute Predigt bei den Zuhörern immer ein schlechtes Gewissen hinterlassen muss. Als Folge davon gäbe jede Predigt über Heiligung allen das Gefühl, nicht heilig genug zu sein. Jede Predigt über Gebet würde Schuldgefühle darüber wecken, dass sie zu wenig beten. Jede Predigt über Evangelisation hinterließe eine Gemeinde, die sich innerlich windet vor Schuldgefühlen über ihren vermeintlichen Ungehorsam. Diese Art der Predigt ist nicht gesund und sie führt auch nicht zu gesunden Gemeinden…“

Das Buch bietet zahlreiche hilfreiche Impulse, um diesem negativen Framing entgegenzuwirken – einem Framing, das wir uns teilweise selbst aneignen, das aber auch in verschiedenen Strömungen der evangelikalen Szene anzutreffen ist: die Haltung, sich als Christ grundsätzlich als ungenügend und scheiternd zu betrachten.

Neben den genannten Beispielen (Stille Zeit und Evangelisation) greift DeYoung weitere Themen auf, wobei nicht alle gleich überzeugend ausgearbeitet sind. So erscheint etwa die Betrachtung von Christsein und Wohlstand zwar als guter Überblick über die Thematik im Lukasevangelium, überzeugt jedoch weniger als Argument dafür, dass Wohlstand für Christen kein ernsthaftes Problem darstellt. An vielen anderen Stellen hingegen ist das Buch sehr stark – etwa in der Auslegung der Bergpredigt als positive, hilfreiche Leitlinie für das christliche Leben und nicht als moralische Keule zur Erzeugung von Schuldgefühlen.

Abschließend führt DeYoung zu einem praktischen Ziel christlichen Lebens: ein ruhiges, beständiges Leben in der Nachfolge, geprägt von wachsendem Vertrauen auf den Herrn im Alltag. Gerade darin liegt die bleibende Aktualität des Buches in einer schnelllebigen Zeit – auch wenn es zugleich deren Schwäche widerspiegelt, indem es stellenweise wie eine lose Sammlung von Blogartikeln wirkt.

Insgesamt sollte das Buch eine gute Lektüre für junge Christen sein, da DeYoung einen durchweg fröhlichen und leicht zugänglichen Schreibstil bewahrt, der in diesem Buch sehr bewahrend und gelungen übersetzt wurde.

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Was ich mir für unsere Gottesdienste und Versammlungen wünsche!

Ein Schwerpunkt-Thema für NIMM-LIES soll dieses Jahr die Bibel sein! 2020 gab Thomas Schirrmacher ein Interview mit dem Pro-Medien-Magazin, in dem er mangelnde Bibelkenntnis als größte Bedrohung für das Christentum ausmachte. Er sagt:

„Die größte Bedrohung ist, dass die Bibelkenntnis abnimmt. Es geht dabei (…) um das Bibelwissen als Grundlage der zentralen Wahrheiten des Christentums.“

Schirrmacher hat völlig recht. Ständig bewegen die Christenheit – ob nun konservativ oder liberal – andere Themen. Heute mag es das Thema geistlicher Missbrauch sein. Viel wird darüber gesprochen. Kürzlich las ich einen Blog, der sich vor allem daran abarbeitet, dass der Hebräerbrief für sich genommen bereits als geistlicher Missbrauch verstanden werden müsse.

Selten war es wohl so unpopulär, die Bibel zu kennen, obwohl es gleichzeitig noch nie so einfach war, sich Bibelkenntnisse anzueignen. Deswegen möchte ich mich für NIMM-LIES in diesem Jahr verstärkt mit dem „Buch der Bücher“ beschäftigen. Wenn ich nur einen unserer Leser dazu bringen kann, mehr in der Bibel zu lesen, habe ich einen großen Sieg errungen.

Heute möchte ich darauf blicken, welchen Wert die Bibel in unseren Versammlungen und Gottesdiensten besitzt.

Es gäbe eine sehr einfache Möglichkeit, dem Wort Gottes in unseren Gottesdiensten mehr Priorität zu verleihen: Das Wort Gottes würde bereits dadurch in der Gemeinde geehrt werden, wenn man es im Gottesdienst öffentlich vorlesen würde. Ich habe das z. B. im Metropolitan Tabernacle in London erlebt. In jedem Gottesdienst wird dort jeweils ein Kapitel aus einem der Evangelien vorgelesen. In manchen Gemeinden erheben sich die Zuhörer sogar zum Hören des Wortes, weil man ihm diese Autorität zusprechen möchte. Das ist eindrücklich.

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Ein neues Standardwerk der Homiletik: Bryan Chapell: Die Auslegungspredigt mit Fokus auf Christus

Wer heute über die Kunst der Predigt nachdenkt, kommt an drei Büchern kaum vorbei: D. Martyn Lloyd-Jones’ Die Predigt und der Prediger, Charles Spurgeon Ratschläge für Prediger – und, in neuerer Zeit, Bryan Chapells Die Auslegungspredigt mit Fokus auf Christus. Wenn die beiden erstgenannten Werke als Klassiker des 19. und 20. Jahrhunderts gelten, so darf Chapells Buch als das maßgebliche Handbuch für eine neue Generation von Predigern bezeichnet werden. Umfang, Tiefe und Praxisnähe machen es zu einem Werk, das im besten Sinne „zeitlos“ ist – gründlich reformatorisch und doch zeitgemäß.

Ein Werk von beeindruckendem Umfang und Struktur

Schon der erste Eindruck verrät: Dieses Buch ist kein bloßer Ratgeber oder eine Sammlung von Tipps, sondern ein vollständiges, systematisch aufgebautes Lehrbuch der Homiletik. Mit über 500 Seiten ist es etwa so umfangreich wie Lloyd-Jones und Spurgeon zusammen. Es ist in drei große Hauptteile gegliedert:

  1. Grundprinzipien der Auslegungspredigt – die theologische und geistliche Basis.
  2. Die Vorbereitung der Auslegungspredigt – das praktische Handwerkszeug.
  3. Eine Theologie der christuszentrierten Verkündigung – die geistliche Zielrichtung.

Dazu kommen über 100 Seiten Anhang mit Beispielpredigten, Gliederungshilfen, Mustern, Hinweise zur Rhetorik und einem gründlichen „Auswertungsbogen“, der Predigern hilft, sich selbst zu prüfen und zu wachsen.

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Gottes Vorsehung entschuldigt unsere Bosheit nicht

Wer eine reformierte Sicht des Zusammenspiels von Gottes Vorsehung und Dingen wie Zufall, dem Bösen, menschlicher Verantwortung sucht handelt sicherlich nicht falsch wenn er zu Calvins Institutio zeigt. In den Kapiteln 16 bis 18 widmet sich Calvin dem Thema der Vorsehung. Zunächst wird die Lehre von der Vorsehung definiert: Es ist Gottes Erhaltung seiner Schöpfung. das biblische Bild von der Schöpfung ist nicht einfach bloß ein Theistisches als hätte ein großer Erschaffer einmal einen Knopf gedrückt und nun arbeitet ein äußerst komplexer Mechanismus ganz autonom ein Programm ab – Nein die Bibel zeichnet ein Bild, dass die Schöpfung auch nicht einen Augenblick bestehen kann, wenn sie nicht durchgehend erhalten würde (Heb. 1,3 man vgl. aber auch die vielen weiteren Beispieltexte die Calvin zu dieser These aufführt).

In Kapitel 16 bespricht Calvin nun das Zusammenspiel von Menschlicher Verantwortung und Gottes Vorsehung. Wem die griechischen und römischen Sagen und Legenden nur am Rande bekannt sind, wird über die große Obsession der Antike überrascht sein, dass der Einzelne einem Unabänderlichen Schicksal ausgeliefert ist. Genau da greift Calvin ein und zitiert einige bekannte „Klassiker“. Das christliche Modell von Gottes Souveränität und ist selbstverständlich komplexer,freier, gründlicher. In jedem Fall ist Gottes absolute Vorsehung und Kontrolle niemals eine Ausrede für das was wir anrichten. Daran lässt Calvin keinen Zweifel übrig. Ein Auszug aus dem dritten Abschnitt vom 16 Kapitel des ersten Buches der Institutio. Das vollständige erste Buch findet sich kostenfrei im Web.

„Wem solche Bescheidenheit zuteil geworden ist, der wird weder um der Widerwär­tigkeiten vergangener Zeiten willen gegen Gott murren, noch auch die Schuld für die Übeltaten auf ihn schieben, wie es Agamemnon bei Homer tut: „Ich bin dessen nicht schuld, sondern Zeus und das Schicksal!“ Er wird sich auch nicht wie jener Jüngling bei Plautus, wie vom Schicksal dahingerissen, verzweifelt ins Verderben stürzen: „Unbeständig ist das Los der Dinge, nach Willkür handelt das Schicksal am Menschen; ich will mich zum Felsen begeben, um mit meinem Leben der Sache ein Ende zu machen!“ Auch wird er nicht nach dem Beispiel eines anderen mit dem Na­men Gottes seine Untaten beschönigen. So spricht es Lyconides in einer anderen Ko­mödie (des Plautus) aus: „Gott war der Anstifter, ich glaube, die Götter haben es so gewollt; denn ich weiß: hätten sie es nicht gewollt, so wäre es nicht geschehen!“ Nein, er wird aus der Schrift forschen und lernen, was Gott gefällt, um unter Führung des Geistes danach sich auszustrecken; er wird zugleich bereit sein, Gott zu folgen, wohin er ihn ruft, und damit zeigen, daß nichts heilsamer ist, als diese Lehre zu kennen.

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„Evangelischer Glaube Kompakt“ von Thomas Schirrmacher
Darüber wie es ist, als Nicht-Presbyterianer das Westminster Bekenntnis zu lesen

Das hat mich zunächst in dieser Version des Westminster Glaubensbekenntnisses von 1647 (Im folgenden mit WB abgekürzt) von Thomas Schirrmacher irritiert, dass er das Werk mit einem zusätzlichen Titel versieht: „evangelischer Glaube kompakt“. Je mehr ich aber auf diese Bekenntnisschrift zurückgreife, desto eher sehe ich es als eine Art „Cheat-Buch“ für dogmatische Fragen.  Als ich vor einiger Zeit z.B. für eine Jugendgruppe einen Vortrag über das Thema Heilsgewissheit vorbereitet habe, griff ich vollständig auf die Struktur zurück, wie es das WB In Kapitel 18 darstellt: Behutsam entwickelt das Bekenntnis an dieser Stelle, dass es vor allem um den Wachstum im Glauben geht, dass Heilsgewissheit möglich, aber nicht heilsnotwendig sei, erstrebenswert, aber nicht auf eine zu verzweifelnde Weise, sondern im Gottvertrauen anzueignen.

Oder nehmen wir Kapitel 9: Vom freien Willen. Das Bekenntnis hat hier die augustinische Struktur im Hintergrund, so dass es die Willensfreiheit vor dem Fall, nach dem Fall, nach der Wiedergeburt und in der Herrlichkeit betrachtet. Somit fällt die Antwort nicht einfach plump mit „ja oder nein“  aus, sondern führt zielstrebig zur Frage nach „echter Willensfreiheit“  Mit den Worten des Bekenntnisses, dass es übrigens kostenfrei zum Download gibt: (Artikel 9,5) „Der Wille des Menschen wird erst im Stand der Herrlichkeit volkkommen und unveränderlich frei gemacht, nur Gutes zu tun.“ Damit argumentiert das Bekenntnis an dieser Stelle völlig anders, als die übliche evangelikale Lösung, die meint, wir würden im Himmel nicht mehr sündigen, weil Satan nicht mehr da sei.

Sehr hilfreich auch für Jungscharunterricht oder allgemein Jüngerschaft, sind die ersten Kapitel des Bekenntnisses generell: Da wäre das erste Kapitel von der Heiligen Schrift zu erwähnen, das bei weitem nicht so plump formuliert ist, wie es gerne die liberalen Christen bibelgläubigen Evangelikalen vorwerfen, und natürlich das Kapitel über die Dreieinigkeit, oder schließlich, das sei besonders hervorgehoben,  das Kapitel über Christus den Mittler.

Das Mittelstück des Bekenntnisses bilden Fragen der Errettung, wie der Rechtfertigung, der Adoption, der Buße, des Ausharrens und des Gesetzes Gottes mit abschließenden Fragen nach der Beziehung zwischen Staat und Kirche, des Sabbats, der Ehe und den Sakramenten, sowie der Gemeindezucht.

Wer ein Bekenntnis aus reformierter Sicht sucht, kommt niemals an dieser Bekenntnisschrift vorbei. Schirrmachers Ausgabe wird durch zahlreiche Stützstellen und durch die weiteren Varianten dieser protestantischen Bekenntnisschrift deutlich bereichert. John Owen war bekanntlich nicht der presbyterianischen Kirchenordnung zugeneigt, und erweiterte das Kapitel zum Thema „Gemeinde“ erheblich. Diese Variante wiederum war grundlegend für Anpassungen zum Thema Taufe und formten so das Glaubensbekenntnis der britischen Baptisten (natürlich das von 1689).  Auf diese Weise kann Schirrmacher aufzeigen, wie zentral das WB für unterschiedliche protestantische Strömungen wurde. Weiterlesen

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Christus in der ganzen Schrift erkennen und verkündigen
Literaturhinweise für ein Bibelstudium mit Christus im Zentrum

Preaching Christ in All of Scripture (English Edition) by [Edmund P. Clowney]Meine Reise in ein Bibellesen mit Christus im Zentrum fing mit Edmund Clowney an. Zuerst bin ich auf die von Clowney mit Tim Keller gemeinsam gehaltene Vorlesung „Preaching Christ in a Postmodern World gestoßen“.  Diese war ein gewisser Startpunkt und später griff ich zur Vorlesung zur biblischen Theology von Clowney, die ebenfalls kostenfrei zugänglich ist.

Seine Strategie stellt Clowney in Kürze auch in einem Essay vor, der das Einleitungskapitel zu einem Predigtsammelband von ihm darstellt: Preaching Christ in All of Scripture – Christus aus der ganzen Schrift predigen.

Durch Clowney habe ich auch unerwartete Fährten der Schrift entdeckt, die zu Christus führen. In seiner Vorlesung führt Clowney aus, wie z.B. das Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“ auf Christus zeigt: Gott nimmt nicht eine bereits vorhandene Institution der Ehe, um diese als Metapher für die Liebe Christi zu seiner Gemeinde zu verwenden, sondern die Ehe ist ein Abbild einer längst, ja vor Grundlegung der Welt vorhandenen Realität, der dienenden Liebe Christi. Unsere Ehen werden an diesem Anspruch, der im Sohn Gottes zu sehen ist, gemessen. Deswegen ist Ehebruch und Hurerei auch so tragisch, da wir dem nicht nachkommen, zu dem wir als Abbilder/Bilder Gottes berufen sind. Apropos Bilder Gottes. Sollen wir uns nicht auch deswegen keinerlei Bilder von Gott machen, da Gott selbst „den Abganz seiner Herrlichkeit“ (Heb. 1.1-2) in seinem Sohn zeigen will und wir eben nur einen Antichristen produzieren würden, wenn wir selber ein Bild von Gott machen würden?

In dieser Weise entdeckt und beschreibt Clowney, wie alle Spuren, Bilder, Gedanken, Gebote, Traditionen und Praktiken der Bibel zu Christus führen. Ist Christus in den Gesetzen der Thora zu finden, verstehen wir plötzlich, warum sich die Psalmsänger an den Geboten, ob nun den Zeremonialgesetzen oder den juristischen, derart erfreuen: „HERR, wenn ich an deine ewigen Ordnungen denke, so werde ich getröstet. (…) Deine Gebote sind mir ein Lied geworden“ (Ps. 119,52.54) Weiterlesen

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Rezension: Gemeinde wiederentdecken

Gemeinde wiederentdecken

Vor vielen Jahren hörte ich eine Vortragsserie von John MacArthur: Warum ich die Gemeinde liebe. Ich hörte mit einer großen Begeisterung, aber auch mit einer tiefen Beschämung zu. Noch nie hatte ich so einen tiefen Einblick in die Gemeindelehre erhalten, obwohl ich, seitdem ich lebe, in der Gemeinde aufgewachsen bin. Da mein Vater immer aktiv im Gemeindedienst war und seit vielen Jahren als Ältester dient, hatte ich zwar einen umfassenden Einblick in das Gemeindeleben. Flecken und Runzeln habe ich zuhauf gesehen. Natürlich prägte auch Helles und Hoffnungsvolles meinen Blick auf Gemeinde. Aber erst MacArthur öffnete mir die Augen für die Herrlichkeit der Gemeinde Jesu Christi.

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Trotz aller Widrigkeiten ist mir die Gemeinde wichtig, lebenserhaltend und lieb geblieben. Auch gerade und trotz der Corona Zeit. Hansen und Leeman haben weit über die USA hinaus Einblick in Gemeinden. Corona hat die Gemeinden erschüttert. Gemeinden haben sich geändert. Gemeindeglieder sind offener für neue Formen des Gemeindelebens geworden oder nehmen vorlieb mit einem Leben ohne Gemeinde. Es deutet auf schlimme Zustände, wenn Gemeinde wiederentdeckt werden muss. Sie wurde verschüttet, verzichtbar und unsichtbar gemacht. Verschiedene Tendenzen erwecken den Anschein, als sei Gemeinde kein wesentlicher Bestandteil der Christen mehr. Hier muss gegengesteuert werden. Weiterlesen

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Ein Loblied auf den Jakobusbrief
Die Bibel lesen.

Fast jeder meiner Logos-Kommentare zum Jakobus-Brief nimmt Bezug auf Luthers Geringschätzung des Jakobusbriefes. Luther machte wenig Hehl daraus, dass er nicht viel für diesen Brief übrig hatte. Aber lasst ihn dahin fahren! Ich will lieber Luthers Werk vergessen und von allen Lutheranern getrennt sein, als nicht den Jakobusbrief zu besitzen.

In meiner christlichen Bubble hat man den Jakobusbrief immer wertgeschätzt. Ein kostbares Erbe meiner Kindheit und russlanddeutschen Prägung ist es, dass ich sogar angehalten wurde, diesen Brief auswendig zu lernen. Ein lohnenswerter Invest für gerade mal 108 Verse.

Im folgenden möchte ich skizzenhaft davon berichten, was ich am Jakobusbrief wertschätze und auf ein paar Einwände eingehen, die uns ggf. vom Lesen und Umsetzen des Jakobusbriefes abhalten könnten.

Seelsorgerliche Qualität

Der Brief ist kurz, sehr praktisch und von unerwarteter seelsorgerlicher Qualität. Immer wieder fallen mir neue Perlen auf. Eine Auswahl.

Versuchungen als Grund zur Freude:

Jakobus ist furchtbar realistisch. Versuchungen sind nicht der Ausnahmezustand, sondern die Norm. Ja, Versuchungen und Freude können Hand in Hand gehen: „Meine Brüder und Schwestern, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt“, (Jak. 1,2) ruft der Autor uns zu. Er blickt auf das Ziel überstandener Anfechtungen: Vollkommenheit (V.4). In den Versuchungen ist Gott am Werk mit einem Ziel. Die Weisheit hier durchzublicken mag uns fehlen, doch wir wissen wo wir um Hilfe flehen dürfen. Jakobus hat hier unsere Probleme im Blick: Will Gott uns in unseren Anfechtungen etwa wirklich erhören? Natürlich, deswegen sollen wir Zweifel meiden(V.7). Jakobus hat dabei nicht nur feinsinnige oder feingeistige Anfechtungen im Blick, sondern durchaus auch materiellen Mangel (V9-11), aber auch materiellen Erfolg und verweist auf die richtige Reaktion darauf. Der Reiche soll sich nicht durch seinen Erfolg zum Stolz verführen lassen, sondern sich unter Gottes Hand demütigen. Der Arme und Niedrige, braucht nicht zu verzweifeln, sondern darf sich seiner Höhe (in Christus) rühmen.

Immer wenn ich mich über Anfechtungen „aufregen“ möchte und sie als „unfair“ empfinde. Erinnere ich mich an Jak. 1,2-12. Weiterlesen

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„Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt.“
Die Heidelberger Disputation 1518

Durch Carl Trueman (z.B. in seiner Vorlesung zur Reformationsgeschichte, in der Essay-Sammlung des Autors  „Reformation – heute noch aktuell“ im kürzlich erschienen Buch „Luther on the christian life“ geht er jeweils sehr ausführlich auf Luthers Unterscheidung zwischen Theologen der Herrlichkeit und Theologen des Kreuzes ein). wurde ich auf ein Ereignis in Luthers Laufbahn aufmerksam, dass in vielen Darstellungen des Reformators schnell untergeht. 

Im April 1518 (und noch deutlich vor der Eröffnung des Verfahrens durch die römische Kurie  im Juli 1518) fand unter Leitung Luthers eine Disputation in der Versammlung der Augustiner statt, die seine Thesen zum Ablass diskutieren sollte. Luther bereitete Thesen vor, die wohl einige überrascht haben dürften. Sehr entschieden entscheidet sich Luther für eine augustinische Darstellung des Heils. Einige der 28 Thesen (hier samt Begründung vollständig zu finden) im Wortlaut:

Die Werke der Menschen, wenn sie auch noch so sehr in die Augen fallen und gut zu sein scheinen, müssen doch als Todsünden gelten.

Der Mensch, der da meint, er wolle dadurch zur Gnade gelangen, dass er tut, soviel ihm möglich ist, häuft Sünde auf Sünde, so dass er doppelt schuldig wird.

Ganz gewiss muss ein Mensch an sich selbst verzweifeln, um für den Empfang der Gnade Christi bereitet zu werden.

Das Gesetz sagt: »Tue das!«, und es geschieht niemals. Die Gnade spricht: »An den sollst du glauben!«, und alles ist schon getan.

Nicht der ist gerecht, der viel Werke tut, sondern wer ohne Werke viel an Christus glaubt.

Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. Die Liebe des Menschen entsteht nur an dem, was sie liebenswert findet.

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