In der Artikelserie „Halbzeitanalyse“ berichte ich über Blicke in die Vergangenheit wie in die Zukunft von der Mitte des Lebens her. Dabei möchte ich Fehlentwicklungen genauso zugeben, wie Gute Wege weiterhin beschreiten. Bisher erschienen sind:
- Keep the Fire Burning – Wie das Feuer für Christus weiter brennen kann.
- Gewohntes Lesen
- Vom Nehmen zum Geben.
- Der Hochzeitstag
Eine besondere Stärke der Evangeliums-Christen ist die konsequente Auslebung des allgemeinen Priestertums. In diesem Artikel möchte ich von meinen eigenen Erfahrungen berichten. Seit ich 17 Jahre alt bin, habe ich regelmäßig am Predigtdienst meiner Gemeinde teilgenommen.
Da einige meiner Leser selbst im Laien-Predigtdienst stehen, könnten die folgenden Notizen für den einen oder anderen hilfreich sein. Der Artikel ist recht umfangreich geworden; ich habe ihn daher in Kapitel gegliedert, die – soweit ich es einschätzen kann – nach Belieben übersprungen werden können. Das erste und das letzte Kapitel zu lesen, dürfte allerdings hilfreich sein.
Bist du selbst Prediger? Dann freue ich mich über einen persönlichen Erfahrungsbericht – gerne auch als Kommentar.
Lieber Prediger als König
Spurgeon sagte einmal: Wer die Wahl hat, König oder Prediger zu werden, und sich für das Königtum entscheidet, hat schlechter gewählt. Das trifft meinen Blick auf die Aufgabe der Predigt ganz gut. Ich selbst spreche meist lieber von einer „Andacht“, um anzuerkennen, dass die Predigt von Gemeindeleitern – Ältesten oder Pastoren – ein besonderes Gewicht und eine besondere Autorität hat. Etwas mehr zu dieser Unterscheidung findet sich [hier].
Unabhängig davon kann ich mir kaum eine größere Ehre vorstellen, als diesen Dienst tun zu dürfen. Gleichzeitig kenne ich kaum eine Aufgabe, vor der ich mehr Ehrfurcht habe – „Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich dich loben.“ (Psalm 22,23)
Eine große Anfechtung
Der Predigtdienst ist zugleich mit schweren Anfechtungen verbunden. In den letzten Jahren gab es kaum einen Moment, in dem ich mir nicht gewünscht hätte, nie wieder predigen zu müssen. Es geht um Wahrheit – und bei jeder Vorbereitung frage ich mich: Ist dieser Satz wahr? Ist er angemessen? Häufig scheint mir, als würde ich entweder zu kompromissbereit oder zu direkt sprechen. Die Balance zwischen Wahrheit und Liebe auszutarieren, ist für mich eine kaum zu ertragende Herausforderung – und sie wird mit der Zeit nicht kleiner. Oft spüre ich diese Last sogar körperlich.
Die ungewöhnlichsten Erfahrungen
Als ich anfing, war alles einfacher. Ich begann in einem kleinen Hauskreis, der zwar im Gemeindehaus stattfand, aber nur etwa 12 Personen zählte. Schon kurz nach meiner Taufe durfte ich dort das Wort weitergeben – zunächst im 14-tägigen, später im wöchentlichen Rhythmus. Bald diente ich auch in der Muttergemeinde, später kamen Jugend- und Gebetsstunden hinzu. In manchen Monaten hielt ich bis zu 10–12 Beiträge.
Das war eine intensive Zeit – ich verbrachte viel Zeit im Wort Gottes und nutzte alles, was ich an Material finden konnte. Rückblickend muss ich sagen: Es ging zu schnell. Ich ließ mich vom Vergleich mit anderen jungen Predigern leiten – vergaß dabei aber oft meine Herkunft aus einem eher bildungsfernen, nicht christlich geprägten Elternhaus.
Erste Strategien
Schon mit 17 entwickelte ich erste Strategien. Im Hauskreis predigte ich fast ausschließlich über Psalmen und nutzte dafür Die Schatzkammer Davids – ein großartiges Werkzeug mit fertigen Gliederungen zu jedem Psalm. Diese waren meine liebste Stütze In der Gemeinde griff ich häufiger zu biografischen Predigten: Glaubensgestalten, deren Leben zur Anwendung herausforderte.
Ich war (und bin) skeptisch gegenüber übermäßiger Christozentrik bei alttestamentlichen Helden – auch wenn ich damals christologische Bezüge oft übersehen habe. Ein Beispiel: Ich predigte einmal über die Berge der Bibel – Horeb als Berg der Gottesbegegnung, Karmel als Berg des Kampfes… aber vergaß völlig Golgatha. Heute könnte ich mich dafür ohrfeigen.
Ich suchte ständig nach Illustrationen, las Unmengen an Literatur – aber oft ohne Plan. Erst mit der Zeit lernte ich, die Flut an Kommentaren und Handbüchern richtig einzuordnen – als Hilfs-mittel, nicht als Leit-mittel.
Der exegetische Dreisatz
Trotz aller Kritik am deutschen Schulsystem bin ich für eine Fähigkeit besonders dankbar: Textinterpretation. Der exegetische Dreisatz – Beobachten, Interpretieren, Anwenden – ist bis heute mein Grundschema. Was wir in der Schule an literarischer Analyse gelernt haben, lässt sich hervorragend auf die Bibel anwenden. Ich erinnere mich, wie mein Deutschlehrer sagte: „Wir analysieren Goethe nur deshalb so gründlich, weil man nach der Aufklärung dieselben Methoden nicht mehr nur auf die Bibel anwenden wollte.“
Im Grunde ist es nie mehr geworden als:
Beobachten – Interpretieren – Anwenden.
Ich schrieb darüber [hier].
Die Belehrungskrankheit
Man hat es vermutlich schon herausgelesen: Ich litt früh an der Predigerkrankheit – oder wie ich es nenne: der Belehrungskrankheit (vgl. Jak 3,1). Ich las die Bibel nicht mehr zuerst für mich, sondern um etwas weiterzugeben. Kaum schlage ich einen Text auf, sehe ich Gliederungen, Schlüsselbegriffe, Parallelen.
Ich predige innerlich sofort – das ist schwer loszuwerden. Aber es ist möglich, sich selbst zu predigen. Eine schnelle Texterfassung ist kein Fehler – aber dann muss der nächste Schritt folgen: Was sagt dieser Text konkret mir? Daran arbeite ich bis heute.
Meine Fehler
Zwei Fehler bereue ich besonders:
- Ich habe manchmal mit der Absicht gepredigt, jemand Bestimmtem etwas auszurichten. Das ist unweise. A. Motyer beschreibt das in seinem Buch Preaching sehr treffend.
- Wegen meiner Neigung zu Zynismus und Sarkasmus hatten manche meiner Predigten einen unpassenden Ton. Dem heiligen Amt war das nicht angemessen.
Worüber ich mich freue
Nicht alles war falsch – im Gegenteil: Ich darf Christus danken!
Trotz theologischer Veränderungen (vom Dispensationalisten zum Bundestheologen, vom Arminianer zum Calvinisten – ein erster Apologetik-Versuch [hier]) kann ich sagen: Ich habe immer evangelisch gepredigt, d. h. im Einklang mit den vier Soli:
Allein Glaube. Allein Gnade. Allein Christus. Allein die Schrift.
Meine erste Predigt drehte sich um Sacharja 4,6:„Nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist…“ Ich habe einmal ein sehr frühes Predigt-Konzept zu einem Blog-Artikel gewandelt [hier].
Ich erinnere mich an eine Predigt über die Helden Davids – ein wilder Haufen, der doch dem gleichen Ziel diente. Ich verglich das mit der Gemeinde Christi. Ein Zuhörer fand das „zu menschlich – zu wenig Gnade“. Dennoch: Ich würde es heute ähnlich sagen.
Was sich verändert hat
Durch meine Hochzeit wurde ich Teil einer größeren Gemeinde. Aus 10 Beiträgen im Monat wurde einer.
Erst im Rückblick habe ich erkannt: Diese Entschleunigung hat meine Blogtätigkeit befeuert. Ich hatte zu viel Bibel im Herzen, um zu schweigen. Und das Schreiben hatte viele gute Folgen:
- Ich begann, meine Predigten vollständig auszuschreiben.
- Dadurch wurden sie strukturierter, durchdachter, formulierter.
- Und: Ich erinnere mich heute an jede dieser Ausarbeitungen – an spontane Skizzen kaum.
Was ich mir mehr gewünscht hätte
Von Anfang an hätte ich mir mehr Rückmeldung gewünscht. Vor allem in den ersten Jahren suchte ich sie aktiv – bekam aber wenig.
In Russlanddeutschen Gemeinden (eine kleine kritische Randbemerkung sei gestattet) wird häufig mehr Energie in Musik und Gesang gesteckt als in die Predigt. Singt man schräg, gibt es sofort Rückmeldung. Predigt man schräg – bleibt es still.
So war ich in dieser Zeit dreimal als Prediger sanktioniert– aber nur einmal wurde mir der Grund für die Sanktionen erklärt.
Als wäre es das letzte Mal
Dieser Artikel muss aber mit einem positiven Ausblick enden.
Seit diesen Sanktionen fühlt sich jede Predigt wie die letzte an.
„Predige so, als wäre es das letzte Mal.“
Kein schlechter Rat! Er erzeugt Druck – aber auch Kraft. Ich erlebe wie ich so über mich selbst hinauswachsen kann.
Morgen – so Gott will und wir leben – halte ich wieder einen Beitrag in der Bibelstunde. Hier nun die Auflösung des Artikeltitels:
Evangelikale Christen wurden in Russland und der Ukraine oft spöttisch Stundisten genannt – wegen ihrer „Stunden“: Bibelstunden, Gebetsstunden, Jugendstunden…
Und ich? Ich bin inzwischen selbst ein Viertel-Stundist geworden.
Lieber Sergej,
ich bewundere deine guten und vor allem ehrlichen Beobachtungen. Ich finde diesen Artikel wirklich stark; danke, dass du deine Schwächen zeigst und dennoch auch die guten Seiten nicht übersiehst.
Ob das mit dem ‚allgemeinen Priestertum‘ aber tatsächlich so zu verstehen ist, dass jeder (oder fast jeder) „Bruder“ in der Gemeinde predigen sollte, da bin ich noch etwas unsicher. 🙂
Grüße von deinem Freund
Lieber Timotheus, danke für diesen lieben Kommentar, das schätze ich sehr und es bedeutet mir auch viel, da auch Bloggen von verschiedenen Seiten „angefochten“ wird.
Was das allgemein Priestertum angeht, da gebe ich dir recht, dass auch „Jeder Bruder darf was sagen“ richtig wild und unbiblisch gehen kann. Mir gefällt, was Tertullian im Apologetikum über die Versammlungen der Christen widergibt (Kapitel 39) Es sind von Ältesten organisierte und geordnete Versammlungen, mit der Lesung der Schriften im Zentrum, aber gleichzeitig darf sich jeder einbringen, soweit ich Tertullian verstehe auch Frauen usw…
Liturgische Gottesdienste, die den ganzen Gottesdienst in die Hände eines Pastors oder Priesters geben scheinen mir nicht ganz dem zu genügen, was sich in der Bibel findet in Texten wie 1 Korinther 14. Ich erinnere mich an einen Korinther-Brief-Kommentar, der aufführte, dass Gemeinden sich überlegen müssen, wie sie solche Anweisungen in die Praxis umsetzen, der Kommentator schlug vor, dass man zu sonntäglichen Versammlungen der Wortverkündigung solche „Zeugnis-Geben“ und Brüderliche Gemeinschaft Haben Versammlungen einführt. Im Grunde Ideen, die ja auch schon Spener in seiner Pia Desideria diskutiert.
Mir scheint es also schon Gründe zu geben, das was ich als „Pastorales System“ bezeichne, abzulehnen. – „Allgemeines Priestertum gone wild“, da gibt es aber auch eine ganze Menge seltsamer nicht guter, nicht biblischer Sachen, Ohne Organisation und Verantwortung und Feedback (durch Älteste z.b.) wird es kaum gehen. Soweit ich es einschätze gibt es hier ganz unterschiedliche Lösungen – z.B. ist natürlich meine Beteiligung, die ich oben im Hauskreis erwähne, ganz anders zu werten als in der eigentlichen Gemeinde. IN meiner Gemeinde gegenwärtig, finde ich es sehr positiv, dass die Sonntag Morgens-Predigten den Pastoren und Ältesten vorbehalten sind. Hier scheint man sich mehr Gedanken darüber gemacht zu haben, wie pastorale Predigt und „allgemeines Priestertum“ Hand in Hand gehen.
Ich denke in der Tat mit „Allgemeines Priestertum“ ist aber NICHT Laienpredigt oder „Beiträge auf der Kirchenbühne“ gemeint. Leider entwickelt sich diese Deutung fast automatisch in allen Formen der Kirche, die „kirchlichen Dienst“ ihrer Mitglieder fördert. Was Allgemeines Priestertum wirklich ist, ich finde das eine der herausforderndsten Fragen überhaupt. Wie arbeite ich denn wirklich (und ich meine in meiner Fa) als dieser „allgemeine“ Priester. Wie bin ich ein Priester im Verein, in den Tätigkeiten in der Stadt, in all dem was ich mache. Diese alle Dinge nur als „Mittel für den Zwecke“ des eigentlich wirklich zählenden Kirchlichen Dienstes zu erklären, erscheint mir absurd und unbiblisch. Und doch fühlt sich eine Predigt in der Kirche „viel besser und guter und Gottesdienstlicher an“ als jetzt meine tägliche Arbeit in der Fa.
Mich hat getröstet, dass Zinzendorf genau darunter litt. Er war ein evangelischer Fürst und während katholische Fürsten selbstverständlich, gerade wenn sie religiöses Interesse hatten, natürlich auch Bischöfe und Kardinäle und Prediger und Mönche werden konnten, war das alles für ihn als evangelischen Fürsten NICHT möglich, nicht erwünscht, galt als profan oder gar als Sakrileg. Denn ein evangelischer Fürst, so wurde erwartet, darf gar nicht Theologie studieren, denn er hat ja schon seine „weltliche Berufung als „allgemeiner Priester“ natürlich, aber eben als weltlicher Fürst. Die Biografie von beyerhaus zeigt in Bd. 1 (eher zum Schluss) sehr eindrücklich auf, wie genau dieser Punkt nachher eine große Versuchung für den jungen Zinzendorf wird den evangelischen Glauben zu verlassen und ein katholischer Apologet packt ihn gerade bei diesem Punkt und fragt ihn wo den die evangelische Lehre vom „allgemeinen Priestertum“ bleibt (damals war er noch unter 20 ). Wir wissen aus der Geschichte dass der reife Zinzendorf hier seine Lösungen gefunden hat, aber sie natürlich teuer erkaufen musste. Wie dem auch sei, diese Beteiligung des Leien ist natürlich ein Ding dass mit sehr vielen evangelikalen Gemeinden einfach fest verknüpft ist, häufig geschichtlich durch die Entstehung – Übrigens finde ich das sehr schade, dass gerade die doch einigen hoffnungsvollen reformierten Gemeinden in Deutschland, die neuerdings überall entstehen, das eher rigoros ablehnen, – Obwohl ich die Sorge um die Qualität der Predigt verstehe, entstand oft ein sehr engstirniger, irgendwie auch unrealistischer „Lokalismus“, d.h. Einstellungen, wie bei uns kann man nur predigen, wenn man eine gute Ausbildung hat, und als guter Ausbildungsort kommt dann nur die Bibelschule in Frage, auf der man war (irgendwas in Amerika oder vlt. England) und ggf. 2 oder 3 weitere Universitäten, natürlich alle wertvoll geprüft usw…Nicht immer konnte ich überzeugt werden, dass diese Meinungen wirklich aus der Besorgnis um Gottes Wort herstammen. In diesem Kontext habe ich ei Beispiel kennengelernt, da gab es ein Gemeindegründungsprojekt in der Schweiz und die ersten Christen dieser Gemeinde versammelten sich zur Bibelstunden und Gebetsstunden, während ihr zukünftiger Pastor noch seine Ausbildung in England fertig machte. Aber selbst die Bibelstunden konnten nicht stattfinden ohne den Pastor (live) – Er reiste beharrlich vor Ort, so als ob nicht ein paar Christen zusammenkommen könnten und gemeinsam Bibel lesen können. Andererseits war es natürlich zu schätzen, dass ihm die Versammlungen seiner Gemeinde so wichtig waren, dass er den langen Weg auf sich nahm (ich glaube alle 2 Wochen und das über einen längeren Zeitraum), aber andererseits hätte er seine Gemeinde auch ermutigen können, auch mal zusammenzukommen, wenn er nicht da ist.
Im Übrigen sollte man nicht von negativen Beispielen auf „die grundlegende Haltung“ schließen. Solche chaotischen Geschichten (mindestens) kann man auch von Gemeinden erzählen, die auf die oben geschilderte Praxis niemals gekommen wären.
Ein anderer Gedanke: Es lässt sich die Ähnlichkeit der Kirche zur Synagoge gerade in der Gestaltung der Gottesdienste nicht leugnen, hier kennt man ein stark auf den Pastor konzentriertes System nicht – Ich erinnere mich an meinen Besuch in einer Synagoge in Straßburg, da ich in Begleitung eines Rabbis war, wurde ich gefragt ob ich auch aus der Schriftrolle vorlesen möchte (so als Beispiel), mein Begleiter war sehr freundlich und verwies darauf, dass ich kein Hebräisch kann (und nicht darauf, dass ich ja eigentlich ein Heide bin). Der Besuch war für so viele Fragen ein Augenöffner für ganz viele Fragen für mich, dass ich überzeugt bin, dass Christen regelmäßig die Synagoge besuchen sollten…
– Ok jetzt ist meine Antwort viel zu lang geworden.