„Calvin nämlich äußerte sehr heftige Kritik an seiner Hörerschaft. Er fragte sich, ob sie wohl überhaupt zuhörten. Gewiss, in Genf werde das Evangelium gepredigt, „aber was hat man davon, wenn niemand was damit anfängt“(1)? Die Menschen gingen einzig zur Kirche, weil sie es so gewohnt seien. Es sei ein Ritual geworden, und daher „kommen sie so wieder heraus, wie sie hineingegangen sind“ (2). Calvin zufolge ging man mit den Predigten um, als ob es Märchen wären (3). Daher seien die Menschen auch unwissend. Sollte man beispielsweise um Weihnachten herum fragen, „wisst ihr, was es bedeutet, dass Gott sich im Fleisch offenbart hat, dann dürfte man mit großer Mühe einen unter zehn finden, der zu wiederholen imstande ist, was er als kleines Kind bezüglich seines Glaubens gelernt hat“ (4). Sie seien gerade wie die Tiere, die gewohnheitsmäßig zur Fütterung liefen. „Denn sobald sie zum Abendmahl, zur Taufe oder einer Hochzeit wegen zur Kirche gehen, wissen sie eigentlich nicht einmal, worum sie bitten müssen“ (5). Die Glocke läute jeden Tag, aber man reagiere nicht darauf. Am Sonntag würden die Menschen bis zu viermal mit Glockengeläut in die Kirche gerufen. Dennoch halte man es für ausreichend, einmal zu erscheinen. „Kurzum, die überwiegende Mehrheit lebt nach der alten Redensart, nahe bei der Kirche und fernab von Gott“ (6). Ihren Mangel an Einsatz und Eifer tarnten sie mit allerlei neugierigen Fragen, „und dann wollen sie wissen, warum Gott einige auserwählt und andere zurückgewiesen hat“ (7). Aber wenn es um Gottes Urteil ginge, habe jeder freilich eine Ausrede und fühle sich niemand schuldig. Kurz und gut „sie wollen gerne die Gemächer des Paradieses kennen, aber sie tun nicht ihr Bestes, um dort auch hinzugelangen“ (8). Es sei doch zum Verrücktwerden, dass Türken, Juden, Heiden und die Papisten ihren Aberglauben treuer ergeben seien als die Menschen in Genf ihrem Dienst am Evangelium (9). Und bei all dieser Kritik meint Calvin sich auch immer selbst. Er steht als Prediger dem Volk gegenüber, doch ist er als Mensch eben auch Teil dieses Volkes. Calvin bleibt ungeachtet all dieser Zustände stets dicht am Text der Bibel. Das dürfte an seiner humanistischen Prägung liegen, wonach man sich gar nicht nah genug am Quellentext halten konnte. Ein eher persönlicher Grund ist seine andauernde Suche nach Sicherheit. In einer Welt, in der er alles als fließend, turbulent und verwirrend empfand, war seiner Meinung nach Gottes Wort der einzige Fixpunkt. Wer also festen Halt suchte, tat gut daran, so nah als nur irgend möglich am Wort zu bleiben.“ Weiterlesen
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