Alle Artikel mit dem Schlagwort “Johannes-Evangelium

Kommentare 0

Über Absurditäten der Bibelkritik

Ich bin im Johannes-Kommentar von John Carson auf dieses Zitat von A. H. N. Green-Armytage gestoßen, der in seinem wenig bekannten Werk über die Entstehung des Johannes-Evangeliums (John Who Saw: a Laymun’s Essay on the Authorship of the Fourth Gospel ) eine wertvolle Beobachtung über die Dimension der Bibelkritik gibt, die die Zuverlässigkeit nahezu jedes Bibeltextes hinterfragt. Ganz im Sinne von Bultmann behaupten viele die Steile These, dass „Wir (…) über das Leben und die Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts wissen.“

Eine These, die nüchtern betrachtet, fern jeglicher sinnhaften Argumentation ist:

„Es gibt eine Welt – ich behaupte nicht, eine Welt, in der alle Gelehrten leben, aber doch eine, in die alle von ihnen sich bisweilen verirren und die manche von ihnen offenbar dauerhaft bewohnen – die nicht die Welt ist, in der ich lebe.

In meiner Welt schließt niemand daraus, dass eine Zeitung von der anderen abgeschrieben haben muss oder dass die Abweichungen in der Darstellung eine esoterische Bedeutung hätten, wenn The Times und The Telegraph dieselbe Geschichte in etwas unterschiedlicher Form berichten. In der Welt, von der ich spreche, würde man genau das als selbstverständlich voraussetzen. Dort wird keine Geschichte jemals aus Tatsachen abgeleitet, sondern immer nur aus irgendjemandes Version derselben Geschichte.

In meiner Welt wird fast jedes Buch – abgesehen von einigen derjenigen, die von Regierungsstellen herausgegeben werden – von einem einzigen Autor verfasst. In jener Welt wird fast jedes Buch von einem Ausschuss produziert, und manche sogar von einer ganzen Reihe von Ausschüssen.

In meiner Welt: Wenn ich lese, dass Mr. Churchill im Jahre 1935 gesagt hat, Europa steuere auf einen verheerenden Krieg zu, lobe ich seinen Weitblick. In jener Welt wird keine Weissagung, so vage sie auch formuliert sein mag, jemals vor dem Ereignis gemacht, sondern immer erst danach.

In meiner Welt sagen wir: „Der Erste Weltkrieg fand von 1914 bis 1918 statt.“ In jener Welt sagen sie: „Die Weltkriegs-Narrativbildung nahm im dritten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts Gestalt an.“

In meiner Welt leben Männer und Frauen ziemlich lange – siebzig, achtzig, ja sogar hundert Jahre – und sie sind mit etwas ausgestattet, das man Erinnerung nennt. In jener Welt hingegen (so scheint es) kommen sie ins Dasein, schreiben ein Buch und vergehen sogleich wieder, alles im Handumdrehen; und man vermerkt es mit Verwunderung über sie, dass sie „Spuren primitiver Überlieferung bewahren“ in Bezug auf Dinge, die sich gut innerhalb ihrer eigenen erwachsenen Lebenszeit ereignet haben.“