Endlich ist es möglich: Eine klare Gliederung, ein packender Einstieg, treffende Illustrationen und praktische Anwendungen: Mit künstlicher Intelligenz lässt sich in kurzer Zeit ein Predigtentwurf erstellen, der auf den ersten Blick kaum etwas vermissen lässt.
Das wirft Fragen auf. Eine davon reicht tiefer als die Frage nach der Qualität solcher Texte: Was geschieht mit unserer Abhängigkeit von Gott, wenn wir die Predigtvorbereitung scheinbar immer leichter erledigen können?
Francis Schaeffer hat diese Frage lange vor dem Aufkommen heutiger KI-Anwendungen gestellt. In seinem Buch Geistliches Leben – Was ist das? beschäftigt er sich damit, was ein Leben im Glauben tatsächlich ausmacht. Dahinter steht eine persönliche Auseinandersetzung mit der Kluft zwischen biblischer Überzeugung und gelebtem Christsein. Wie prägt die Wahrheit, die wir bekennen, unseren Alltag? Was bedeutet es, tatsächlich in der Gemeinschaft mit Gott zu leben?
Eine Passage daraus stellt eine unbequeme Frage:
Die Methoden der Gemeinde, oder der christlichen Gruppe, sind also so wichtig wie ihre Botschaft. Sie rechnet dabei bewusst mit der Wirklichkeit des Übernatürlichen. Alles, was »Unvertrauen« zeigt, ist ein Fehler oder vielleicht sogar eine gemeinsame Sünde. Die modernen Theologen beseitigen das Übernatürliche in ihrer Lehre, aber das »Unvertrauen« der Evangelikalen kann das Übernatürliche in der Praxis beseitigen.
Vielleicht darf ich das näher erklären. Wenn ich morgen früh beim Aufwachen merkte, dass alles, was die Bibel über das Gebet und den Heiligen Geist lehrt, verschwunden wäre (wirklich verschwunden, nicht nur falsch ausgelegt, wie bei den modernen Theologen), was sähe dann in meinem Leben morgen praktisch anders aus als heute? Tragischerweise wäre in einem großen Teil der Gemeinde des Herrn Jesus Christus – der bibeltreuen Gemeinde – überhaupt nichts anders. Wir verhalten uns so, als gäbe es das Übernatürliche nicht.
Francis Schaeffer: Geistliches Leben – Was ist das?, S. 203f.
(Das Buch ist zur Zeit nicht lieferbar. Eine Neuerscheinung folgt demnächst.)
Man möchte dieser Frage gern ausweichen. Natürlich glauben wir an den Heiligen Geist. Natürlich halten wir das Gebet für wichtig. Das steht in unserem Glaubensbekenntnis, kommt in unseren Predigten vor und gehört zu unserem Gemeindeleben.
Aber Schaeffer fragt nach dem nächsten Morgen. Würden wir es merken, dass der Heilige Geist nicht mehr wirkt, weil wir alle Abläufe automatisiert, technisiert und routiniert ablaufen? Gerade beim Einsatz von KI bekommt diese Frage neue Schärfe.
Ein Predigttext kann sprachlich überzeugend sein und dennoch am Bibeltext vorbeigehen. Er kann aber auch vieles richtig erklären, passende Anwendungen enthalten und eindrucksvoll klingen. Das galt schon vor KI. Auch eine vollständig selbst geschriebene Predigt kann im Vertrauen auf die eigene Begabung entstehen. Man kann Kommentare durcharbeiten, den Grundtext untersuchen und an jedem Satz feilen, während das Gebet zur Pflichtübung schrumpft. Die KI ist nicht schuld an geistleeren Predigten, aber sie fördert das Vertrauen auf Fleisch, oder das digitale Fleisch. Die KI macht es uns leichter ohne den Heiligen Geist auszukommen.
Das Erstellen einer Predigt lässt sich auslagern. Die persönliche Verantwortung vor Gott bleibt.
Vielleicht sollten wir deshalb bei der nächsten Predigtvorbereitung einige Fragen zulassen:
- Habe ich über dem Bibeltext gebetet, bevor ich nach einer brauchbaren Gliederung gesucht habe?
- Wo hat dieses Wort mich selbst korrigiert, getröstet oder zur Umkehr gerufen?
- Bete ich konkret für die Menschen, denen ich es weitergeben werde?
- Vertraue ich darauf, dass Gott durch sein Wort handelt – auch dort, wo meine Formulierungen schwach bleiben?
- Ist das überhaupt „meine“ Predigt?
Die nächste Predigt muss vielleicht nicht noch eleganter werden. Vielleicht müssen wir mitten in der Vorbereitung innehalten, die Bibel aufgeschlagen und Gott eingestehen, wie wenig wir aus eigener Kraft vermögen. Und dann werden ringen, dass die nächste Predigt vom Heiligen Geist geleitet und nicht einfach nur von KI generiert wird.
Wenn uns morgen der Heilige Geist fehlte: Woran würde man es merken?