Was macht ein protestantisches Profil aus?
„Protestantische Profile. Lebensbilder aus fünf Jahrhunderten“, herausgegeben von Klaus Scholder und Dieter Kleinmann
Klaus Scholder und Dieter Kleinmann waren die Herausgeber des Buches Protestantische Profile. Es enthält 25 kurze protestantische Porträts unterschiedlicher Autoren. Darunter finden sich so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Thomas Müntzer, Paul Gerhardt, Otto von Bismarck und Martin Niemöller. Berechtigt bleibt angesichts dieser Vielfalt die Frage, „ob es dabei noch gemeinsame Merkmale unter diesen Persönlichkeiten gibt, die den Titel rechtfertigen?“ (S. 10).
Die Herausgeber machen dabei drei verbindende Eigentümlichkeiten aus, die wohl recht gut einen minimalen „protestantischen Konsens“ oder zumindest die vorhandene Schnittmenge dieser sehr unterschiedlichen und häufig auch kritikwürdigen Persönlichkeiten beschreiben.
1. Das Verhältnis zur Heiligen Schrift
„Die erste liegt in dem durchgehenden engen Verhältnis aller Porträtierten zur Heiligen Schrift. Es lässt sich kaum ermessen, was es für den Fortgang der abendländischen Geschichte bedeutete, dass die Reformation als Grundfigur der menschlichen Existenz das Modell der Zwiesprache zwischen dem Wort Gottes und dem einzelnen Menschen geschaffen hat. Dadurch, dass ihm ungeprüft keine andere Autorität, kein Pfarrer, auch die Kirche als ganze nicht für die Wahrheit bürgte, sondern dass jeder, wie es in der Speyerer Protestation heißt, ‚für sich selbst vor Gott zu stehen und Rechenschaft zu geben hat‘, wurde jedem einzelnen selbst die Verantwortung für seinen Glauben, sein Leben, sein Denken und Handeln zugewiesen. (…) Dieser Umgang mit der Schrift ist das erste und wichtigste Erbe Luthers und Calvins an den Protestantismus. Man kann diesen Punkt geradezu zum Kriterium erheben. Wo der Bezug auf die Schrift fehlt, da hat sich der Protestantismus so weit von der Reformation entfernt, dass er nurmehr Ideologie ist – noch immer geschichtsmächtig, aber kaum mehr erneuerungsfähig.“ (S. 10)
2. Die Bindung des Gewissens
„Mit diesem (…) ist die zweite durchgehende Eigentümlichkeit eng verbunden. Sie liegt in dem Begriff der Gewissensethik. So verwirrend viele und auch widersprüchliche Meinungen auf dem Boden des Protestantismus erwuchsen – in einem Punkt sind sich alle Protestanten zu allen Zeiten einig gewesen. Es hat im protestantischen Lager niemals auch nur den Ansatz für eine Ethik gegeben, die bewusst auf die menschliche Schwäche und Verführbarkeit Rücksicht nahm (…). Vielmehr gehört zum Protestantismus die unbedingte Forderung des an Gottes Gebot gebundenen eigenen Gewissens als letzte und höchste Instanz des Handelns.“ (S. 11)
3. Der Freimut, die eigene Überzeugung zu vertreten
„Schließlich mag man in den Porträts noch einen weiteren Zug finden, der mehr oder weniger allen gemeinsam ist, und der möglicherweise zum spezifisch Protestantischen dieser Profile gehört. Das ist – ob wir nun Luther nehmen oder Philipp von Hessen, Johannes Kepler oder Johann Sebastian Bach, Friedrich Schleiermacher oder Bismarck – ein gewisser Freimut, ein unverkennbarer Hang, das selbst Erarbeitete und als richtig Erkannte freimütig zu vertreten und gegen alle Widerstände durchzusetzen. Vielleicht geht es zu weit, wenn man den Eigensinn als eine typisch protestantische Eigentümlichkeit bezeichnet – aber wer die Unerbittlichkeit und Hartnäckigkeit innerprotestantischer Auseinandersetzungen bis in unsere Tage hinein verfolgt, der wird jedenfalls eine entsprechende Neigung schwerlich bestreiten können.“ (S. 11)
Ein gemeinsames protestantisches Profil
Die Herausgeber fassen ihre Beobachtungen schließlich in einem Satz zusammen:
„Der selbständige Umgang mit der Heiligen Schrift, die unbedingte Geltung des Gewissens und ein oft genug mühsam erkämpfter Freimut – diese drei Eigentümlichkeiten ergeben über die Jahrhunderte hinweg das typisch protestantische Profil.“ (S. 11)