Alle Artikel in der Kategorie “Zitate

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„Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuren Manne…“

Durch Heiko A. Obermans Biographie über Martin Luther bin ich auf ein ungewöhnliches Werk Heinrich Heines aufmerksam geworden: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.

Das Werk ist in drei Teile aufgeteilt, dessen erster Teil die Religionsgeschichte in Deutschland bis einschließlich Luther beschreibt. Hier schildert Heine Luther als einen Nationalheld, der das Christentum überhaupt nach Deutschland brachte. Gleichzeitig möchte er (da er derzeit als Flüchtling in Frankreich lebt) zeigen, dass die radikalen rationalistischen Freiheits-bewegungen Frankreichs bei weitem nicht so viel „Freiheit“ erreichen werden, weil sie nur alter Katholizismus im säkularen Gewand bleiben:

„Jene Persiflage aber, namentlich die Voltairesche,  hat in Frankreich ihre Mission erfüllt, und wer sie  weiter fortsetzen wollte, handelte ebenso unzeitgemäß wie unklug. Denn wenn man die letzten sichtbaren Reste des Katholizismus vertilgen würde, könnte es  sich leicht ereignen, daß die Idee desselben sich in  eine neue Form, gleichsam in einen neuen Leib flüchtet und, sogar den Namen Christentum ablegend, in  dieser Umwandlung uns noch weit verdrießlicher belästigen könnte als in ihrer jetzigen gebrochenen, ruinierten und allgemein diskreditierten Gestalt. Ja, es hat sein Gutes, daß der Spiritualismus durch eine Religion und eine Priesterschaft repräsentiert werde, wovon die erstere ihre beste Kraft schon verloren und letztere mit dem ganzen Freiheitsenthusiasmus unserer Zeit in direkter Opposition steht.“

Verfolgt Heine hier eine Art Prä-Existentialismus? Interessanterweise schreibt Heine im Vorwort zur zweiten Auflage in aller Deutlichkeit über seine Bekehrung zum Theismus. In typischer sehr offener Heine-Art berichtet er: „Ich könnte zwar, wie manche Schriftsteller in solchen  Fällen tun, zu einer Milderung der Ausdrücke, zu  Verhüllungen durch Phrase meine Zuflucht nehmen; aber ich hasse im Grund meiner Seele die zweideutigen Worte, die heuchlerischen Blumen, die feigen Feigenblätter. Einem ehrlichen Manne bleibt aber  unter allen Umständen das unveräußerliche Recht,  seinen Irrtum offen zu gestehen, und ich will es ohne Scheu hier ausüben. Ich bekenne daher unumwunden, daß alles, was in diesem Buche namentlich auf die große Gottesfrage Bezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist.“ Heine erklärt auch, wie es zu diesem Wandel kam. Die Bekehrung geschah nicht durch ein Wunder, eine Vision oder eine Stimme vom Himmel, sondern „ganz einfach (durch) die Lektüre eines Buches. – Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltägig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt; ein Buch, das so traulich, so segnend gütig uns anblickt wie eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche liest, mit den lieben, bebenden Lippen und mit der Brille auf der Nase – und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kannihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.Heine war ein Popstar seiner Zeit und ähnlich wie bei Bob Dylan heute bleibt wohl unklar ob er sich nun zum Christentum oder zum Judentum bekehrt hatte. Weiterlesen

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„Den aller Welt Kreis nie beschloß, der liegt in Maria Schoß“

Luther hat das Magnifikat Marias (gemeint ist Luk. 1,46-55) mitten im heftigsten Bruch mit der Katholischen Kirche, noch von der Wartburg aus veröffentlicht. R. Friedenthal schreibt dazu in seiner Biographie über Luther (S. 366): „Noch ist er Mönch, die Marienverehrung ist ihm sehr lebendig geblieben. Mitten unter dem Tumult der Vorladung nach Worms hatte er bereits begonnen, das Magnifikat, den Lobgesang der Mutter Gottes, auszulegen. Jetzt vollendet er das Werk. Das ist ein völlig anderer Luther. Er donnert und tobt nicht. (…) Er sieht Maria in der Tracht und Umgebung seiner Zeit, ein „geringes, armes Dirnlein“, nicht besser als eine Hausmagd, und auch als der Engel ihr die Verkündigung überbracht hat, bleibt sie demütig, „ruft nicht aus, wie sie Gottes Mutter geworden wäre, fordert keine Ehre, geht hin und schafft im Haus wie vorhin, melkt die Kühe, kocht, wäscht Schüssel, kehret, tut wie eine Hausmagd oder Hausmutter tun soll in geringen, verachteten Werken.““. Friedenthal weist zurecht daraufhin, dass dieser „Respekt“ vor Maria noch bis in die Zeit Bachs wirkte, der das Magnifikat vertonte. Tatsächlich ist Luthers Buch über Maria ein gutes Andachtsbuch über das Thema Demut. Zu V.46 (Meine Seele erhebt den Herrn) führt Luther aus:

„Darum ist es hier nötig, (auf) das letzte Wörtlein zu merken: »Gott«. Denn Maria sagt nicht: »Meine Seele macht sich selbst groß« oder »hält viel von sich«. Sie wollte auch gar nichts von sich gehalten haben. Sondern allein Gott macht sie groß, dem schreibt sie es ganz allein zu. Sie nimmt es von sich weg und trägt es allein völlig wieder hin zu Gott, von dem sie es empfangen hatte.“

Rühmt sich Maria aber nicht doch wenigstens ihrer Demut, als sie sagt, dass der Herr ihre Niedrigkeit angesehen hat (V. 48)? Luther kritisiert in aller Schärfe diese falsche Demut:

„Das Wörtlein »humilitas« haben etliche hier zur »Demut« gemacht, als hätte die Jungfrau Maria ihre Demut angeführt und sich deren gerühmt. Daher kommt es, daß sich etliche Prälaten auch »humiles« (Demütige) nennen, welches gar weit von der Wahrheit (entfernt) ist. Denn vor Gottes Augen kann sich niemand einer guten Sache ohne Sünde und Verderben rühmen. Man muß sich vor ihm nichts mehr rühmen, als seiner lauteren Güte und Gnade, uns Unwürdigen erzeigt…“ Weiterlesen

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„Zur Pestzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen…“

(c) lizenzfrei: Luther bei den Pestkranken

Die Pest grassierte noch regelmäßig zur Zeit Luthers. Im April 1517 lockt der neue Ablaß von Papst Leo X. die von der Pest heimgesuchten Bürger von Wittenberg über die Grenze, was eine Verbreitung befeuert [1]. 1527 und 1528 ging in Wittenberg erneut die Pest umher. Diesmal war die Stadt durch ausländische Studenten deutlich gewachsen. Diesmal kostete die Pest auch Luthers Tochter Elisabeth das Leben [2]. In Wittenberg kommt das öffentliche Leben zum Erliegen. Die Universität z.B. wird kurzerhand verlegt. Luthers Erfahrungen mit dieser Zeit prägten selbt seine Ausführungen im großen Katechismus, der 1529 erscheint. Zum zweiten Gebot führt er aus:

„Darum haben wir auch zu Lohn, was wir suchen und verdienen: Pestilenz, Krieg, Teurung, Feuer, Wasser, ungeraten Weib, Kinder, Gesinde und allerlei Unrat. Wo sollte sonst des Jammers so viel herkommen? Es ist noch große Gnade, daß uns die Erde trägt und nähret.

1527, als die Pest am anschwellen ist, besteht für viele Pfarrer und sonstige Bürger aus der sozialen Oberschicht die Möglichkeit in eher sichere Quarantäne-Zustände zu fliehen. Da Luther hier mehrfach um Rat gefragt wird, entsteht die interessante Schrift: Ob man vor dem Sterben fliehen möge (ausführlicher besprochen: hier). Luther hält die Waage ziemlich ausgewogen: Er bestätigt das Recht zum Fliehen, unterstreicht aber auch die Pflicht zum Bleiben. Obwohl auch für ihn die Möglichkeit besteht, zum Kurfürsten zu fliehen, bleibt er in Wittenberg. Hier wird das von ihm bewohnte Kloster schnell zu einem Lazarett. Viele sterben, darunter, wie schon erwähnt seine Tochter. Die erste Tote im Ort ist die Frau des Stadtrats Tilo Dehn. Luther tröstet sie am Sterbebett. Einmal muss er einer Pestkranken Frau (wahrscheinlich der Schwester seines Beichtvaters Johannes Bugenhagen [3]) bei der Geburt ihres bereits toten Kindes helfen. Keine Hebamme ist da, Luther greift ein, und das Kind kommt unter furchtbaren Schmerzen zur Welt. Kurz darauf stirbt auch die Frau in seinen Armen. Und auch die Frau stirbt kurz darauf in seinen Armen [4].

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„Denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnöte kann man die Vorherbestimmung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn wider Gott behandeln.“

Luther in Erfurt, von J.N. Paton, 1861, (c) gemeinfrei

Martin Luther ist ein Theologe des Kreuzes. Auch Fragen nach der Prädestination verband er mit dem Kreuz Christi. In seiner Vorrede zum Brief des Paulus an die Römer (1522) schreibt er:

„Im neunten, zehnten und elften Kapitel lehret er von der ewigen Vorherbestimmung Gottes, woher es ursprünglich fließt, wer glauben oder nicht glauben soll, wer von Sünden los oder nicht loswerden kann, womit es ja ganz aus unsern Händen genommen und allein in Gottes Hand gegeben sei, daß wir fromm werden. Und das ist auch aufs allerhöchste not. Denn wir sind so schwach und ungewiß, daß, wenns bei uns stünde, freilich nicht ein Mensch selig würde, der Teufel würde sie gewißlich alle überwältigen. Aber nun Gott gewiß ist, daß ihm das, was er vorherbestimmt, nicht fehlgehet, noch jemand ihm wehren kann, haben wir noch Hoffnung wider die Sünde. Aber hier ist den frevelhaften und hochfahrenden Geistern eine Grenze zu stecken, die ihren Verstand zuerst hierher führen und damit anfangen, zuvor den Abgrund göttlicher Vorherbestimmung zu erforschen und sich damit vergeblich bekümmern, ob sie vorherbestimmt sind. Die müssen sich denn selbst stürzen, daß sie entweder verzagen oder alles aufs Spiel setzen. Du aber folge diesem Brief seiner Ordnung entsprechend, beschäftige dich zuvor mit Christus und dem Evangelium, daß du deine Sünde und seine Gnade erkennest, danach mit der Sünde streitest, wie hier das 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8. Kapitel gelehret haben. Danach, wenn du zum 8. (Kapitel) gekommen bist, unter das Kreuz und Leiden, wird dich das die Vorherbestimmung im 9., 10. und 11. Kapitel recht (verstehen) lehren, wie tröstlich sie sei. Denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnöte kann man die Vorherbestimmung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn wider Gott behandeln. Darum muß (der alte) Adam zuvor richtig tot sein, ehe er dies Ding leide und den starken Wein trinke. Darum sieh dich vor, daß du nicht Wein trinkest, wenn du noch ein Säugling bist. Eine jegliche Lehre hat ihr Maß, Zeit und Alter.“
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„Aber wenn es um Gottes Urteil ginge, habe jeder freilich eine Ausrede…“

„Calvin nämlich äußerte sehr heftige Kritik an seiner Hörerschaft. Er fragte sich, ob sie wohl überhaupt zuhörten. Gewiss, in Genf werde das Evangelium gepredigt, „aber was hat man davon, wenn niemand was damit anfängt“(1)? Die Menschen gingen einzig zur Kirche, weil sie es so gewohnt seien. Es sei ein Ritual geworden, und daher  „kommen sie so wieder heraus, wie sie hineingegangen sind“ (2). Calvin zufolge ging man mit den Predigten um, als ob es Märchen wären (3). Daher seien die Menschen auch unwissend. Sollte man beispielsweise um Weihnachten herum fragen, „wisst ihr, was es bedeutet, dass Gott sich im Fleisch offenbart hat, dann dürfte man mit großer Mühe einen unter zehn finden, der zu wiederholen imstande ist, was er als kleines Kind bezüglich seines Glaubens gelernt hat“ (4). Sie seien gerade wie die Tiere, die gewohnheitsmäßig zur Fütterung liefen. „Denn sobald sie zum Abendmahl, zur Taufe oder einer Hochzeit wegen zur Kirche gehen, wissen sie eigentlich nicht einmal, worum sie bitten müssen“ (5). Die Glocke läute jeden Tag, aber man reagiere nicht darauf. Am Sonntag würden die Menschen bis zu viermal mit Glockengeläut in die Kirche gerufen. Dennoch halte man es für ausreichend, einmal zu erscheinen. „Kurzum, die überwiegende Mehrheit lebt nach der alten Redensart, nahe bei der Kirche und fernab von Gott“ (6). Ihren Mangel an Einsatz und Eifer tarnten sie mit allerlei neugierigen Fragen, „und dann wollen sie wissen, warum Gott einige auserwählt und andere zurückgewiesen hat“ (7). Aber wenn es um Gottes Urteil ginge, habe jeder freilich eine Ausrede und fühle sich niemand schuldig. Kurz und gut „sie wollen gerne die Gemächer des Paradieses kennen, aber sie tun nicht ihr Bestes, um dort auch hinzugelangen“ (8). Es sei doch zum Verrücktwerden, dass Türken, Juden, Heiden und die Papisten ihren Aberglauben treuer ergeben seien als die Menschen in Genf ihrem Dienst am Evangelium (9). Und bei all dieser Kritik meint Calvin sich auch immer selbst. Er steht als Prediger dem Volk gegenüber, doch ist er als Mensch eben auch Teil dieses Volkes. Calvin bleibt ungeachtet all dieser Zustände stets dicht am Text der Bibel. Das dürfte an seiner humanistischen Prägung liegen, wonach man sich gar nicht nah genug am Quellentext halten konnte. Ein eher persönlicher Grund ist seine andauernde Suche nach Sicherheit. In einer Welt, in der er alles als fließend, turbulent und verwirrend empfand, war seiner Meinung nach Gottes Wort der einzige Fixpunkt. Wer also festen Halt suchte, tat gut daran, so nah als nur irgend möglich am Wort zu bleiben.“ Weiterlesen

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„Gottes Wort wird ohne Anfechtung nicht gelernt“

Luther im Kreise seiner Familie musizierend. Gemälde von Gustav Spangenberg (1828-1891)

Luther im Kreise seiner Familie musizierend. Gemälde von Gustav Spangenberg (1828-1891) (gemeinfrei)

In den letzten Wochen befielen mich Anfechtungen, die ich in dieser Intensität schon viele Jahre nicht erlebt habe. In C.S. Lewis‘ Dienstanweisung an den Unterteufel wird der Unterteufel letzten Endes für sein Versagen vom Oberteufel aufgefressen. Das Bild eines Teufels, der einen samt Haut und Haar fressen will, schwebt mir häufig in meinen Anfechtungen. Man ist mit einem Gegner konfrontiert, der einem zu stark ist. Zum Glück dürfen wir als Christen zu dem EINEN rennen, der den Satan in die Flucht jagt.

Ein Lehrmeister der Anfechtung, dürfte Martin Luther sein. Die Auswahl Kurt Alands, die ich als digitale Bibliothek besitze, liefert mehr als 315 Suchergebnisse für die Begriffe Anfechtung. In seiner Vorrede zum 1 Band der deutschen Schriften (1939), redet Luther über die „rechte Weise, Theologie zu studieren“. Man solle sich an Psalm 19 orientieren:

Da wirst du drei Regeln drin finden, die den ganzen Psalm hindurch reichlich vorgetragen werden. Sie heißen: Gebet, Meditation, Anfechtung.

Dass man Gottes Wort nicht ohne Anfechtung lernen kann,  bezeugte Luther regelmäßig in seinen Tischreden, so z.B. TR 15:

Meine Theologie hab ich nicht auf einmal gelernt, sondern ich hab immer tiefer und tiefer danach forschen müssen. Da haben mich meine Anfechtungen zu gebracht; denn die heilige Schrift kann man nimmermehr verstehen, außer durch Praxis und Anfechtungen. (…) So hat Paulus auch einen Teufel gehabt, der ihn mit Fäusten geschlagen und ihn so mit seinen Anfechtungen getrieben hat, fleißig in der heiligen Schrift zu studieren. So habe ich den Papst, die Universitäten und alle Gelehrten und durch sie den Teufel mir am Halse kleben gehabt; die haben mich in die Bibel gejagt, daß ich sie fleißig gelesen und damit ihr rechtes Verständnis endlich erlangt habe. Wenn wir sonst einen solchen Teufel nicht haben, so sind wir nur spekulative Theologen, die lediglich mit ihren Gedanken umgehen und mit ihrer Vernunft allein spekulieren, daß es so und also sein solle;

Luther spricht auch darüber, welche Anfechtung die größte ist (TR 175):

Die Anfechtung des Glaubens ist die allerschwerste, denn der Glaube soll alle anderen Anfechtungen und Übel überwinden. Wenn dieser nun in Anfechtungen unterliegt, so überfallen die anderen alle, auch die allerkleinsten, den Menschen. Wenn aber der Glaube bleibt, so kann man die allergrößten Anfechtungen verachten. Denn wenn der Glaube recht und gesund ist, nehmen die anderen Anfechtungen ab.

Danach ist wieder davor (und fühlt sich aufs Neue völlig neu an, in TR 186):

Wenn eine Anfechtung vorbei ist, dann ist bestimmt auch schon die nächste da, der wir uns entgegenstellen müssen. Und wenn diese andere kommt, betragen wir uns, als wäre sie die erste oder als ob wir überhaupt keine vorher gespürt hätten.

Der Angriffspunkt der Heilsgewissheit (TR 674):

Das ist die größte Anfechtung des Teufels, wenn er sagt: Gott haßt die Sünder. Du aber bist ein Sünder, also haßt Gott auch dich. Diese Anfechtung bekommt der eine so, der andere so zu spüren.  (…) Solche Anfechtungen sind uns sehr dienlich und nicht, wie es scheint, zum Verderben. Sie sind eine Unterweisung und jeder Christ soll bedenken, daß er ohne Anfechtungen Christus nicht recht erfahren kann.

Luther redete recht offen über seine Anfechtungen und sah in diesen ein Gnadenmittel (TR 676):

In dieser Zeit habe ich des öfteren mit Gott gehadert: in meiner Ungeduld warf ich ihm seine Versprechungen vor. Da lehrte mich Gott die heilige Schrift recht verstehen. Denn es ist sonst unmöglich, daß ein Mensch die heilige Schrift verstehe, wenn es ihm immer nach seinem Willen geht. Denn Gott will, daß wir nicht an unserer Ungeduld zerbrechen. Er sagt nämlich in seiner ganzen Schrift (Ps. 130, 6): Warte, warte »von einer Morgenwache bis in die Nacht!« Und er ist wahrlich ein feiner Gott. Wenn er schon nicht sofort hilft, so gibt er doch ein Maß, das man tragen kann. So sagt auch Hiob (13, 15 ff.): Wenn mich Gott schon erwürgte, so will ich doch auf ihn hoffen. Mag es immerhin sein, daß du dein Antlitz vor mir verbirgst, so kann ich dennoch nicht glauben, daß du mein Feind bist.

Aus der Veste Coburg 1530 schreibt er an Hieronymus Weller:

In dieser Art der Anfechtung und des Kampfes ist die Verachtung die beste und leichteste Weise den Teufel zu besiegen. Verlache den Widersacher und suche jemand auf, mit dem Du vertraulich plaudern kannst. Die Einsamkeit mußt Du auf jede Weise fliehen, denn so fängt er Dich am sichersten und stellt Dir nach, wenn Du allein bist. Durch Spott und Verachtung wird dieser Teufel überwunden, nicht durch Widerstand und Disputieren. Daher sollst Du mit meiner Frau und den anderen scherzen und spielen, damit Du diese teuflischen Gedanken zu Fall bringst, und sei darauf bedacht, daß Du guten Mutes bist, lieber Hieronymus. Diese Anfechtung ist Dir notwendiger als Speise und Trank. Ich will Dir erzählen, was mir einst widerfahren ist, als ich ungefähr in Deinem Alter war: Als ich frisch ins Kloster gekommen war, geschah es, daß ich immer traurig und betrübt einherging, auch diese Traurigkeit nicht ablegen konnte. Deshalb suchte ich Rat und beichtete Doktor Staupitz (dieses Mannes tue ich gern Erwähnung) und eröffnete ihm, was für greuliche und schreckliche Gedanken ich hätte. Darauf sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese Anfechtung ist, denn Gott plagt dich nicht umsonst so; du wirst sehen, daß er dich als einen Diener gebrauchen wird, um große Dinge auszurichten. Und so geschah es.

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„Hinter ihm hergehen, das ist etwas schlechthin Inhaltloses“

Im ersten Kapitel seines 1937 erschienen Werkes „Nachfolge“ hält D. Bonhoeffer zum „Ruf in die Nachfolge“ am Beispiel des Zöllners Levi fest:

Der Ruf ergeht, und ohne jede weitere Vermittlung folgt die gehorsame Tat des Gerufenen. Die Antwort des Jüngers ist nicht ein gesprochenes Bekenntnis des Glaubens an Jesus, sondern das gehorsame Tun. Wie ist dieses unmittelbare Gegenüber von Ruf und Gehorsam möglich? Es ist der natürlichen Vernunft überaus anstößig, sie muß sich bemühen, dieses harte Aufeinander zu trennen, es muß etwas dazwischentreten, es muß etwas erklärt werden. Es muß unter allen Umständen eine Vermittlung gefunden werden, eine psychologische, eine historische. Man stellt die törichte Frage, ob nicht der Zöllner Jesus schon vorher gekannt habe und daher bereit gewesen sei, auf seinen Ruf hin zu folgen. Eben hierüber aber schweigt der Text hartnäckig, es liegt ihm ja gerade alles an dem gänzlich unvermittelten Gegenüber von Ruf und Tat. Psychologische Begründungen für die frommen Entscheidungen eines Menschen interessieren ihn nicht. Warum nicht? Weil es nur eine einzige gültige Begründung für dieses Gegenüber von Ruf und Tat gibt: Jesus Christus selbst. Er ist es, der ruft. Darum folgt der Zöllner. Die unbedingte, unvermittelte und unbegründbare Autorität Jesu wird in dieser Begegnung bezeugt. Nichts geht hier voraus, und es folgt nichts anderes als der Gehorsam des Gerufenen. Daß Jesus der Christus ist, gibt ihm Vollmacht zu rufen und auf sein Wort Gehorsam zu fordern. Jesus ruft in die Nachfolge, nicht als Lehrer und Vorbild, sondern als der Christus, der Sohn Gottes. So wird in diesem kurzen Text Jesus Christus und sein Anspruch auf den Menschen verkündigt, sonst nichts. Kein Lob fällt auf den Jünger, auf sein entschiedenes Christentum. Der Blick soll nicht auf ihn fallen, sondern allein auf den, der ruft, auf seine Vollmacht. Auch nicht ein Weg zum Glauben, zur Nachfolge ist gewiesen, es gibt keinen anderen Weg zum Glauben als den Gehorsam gegen den Ruf Jesu. Was wird über den Inhalt der Nachfolge gesagt? Folge mir nach, laufe hinter mir her! Das ist alles. Hinter ihm hergehen, das ist etwas schlechthin Inhaltloses. Es ist wahrhaftig kein Lebensprogramm, dessen Verwirklichung sinnvoll erscheinen könnte, kein Ziel, kein Ideal, dem nachgestrebt werden sollte. Es ist gar keine Sache, für die es sich nach menschlicher Meinung verlohnte, irgendetwas oder gar sich selbst einzusetzen. Und was geschieht? Der Gerufene verläßt alles, was er hat, nicht, um damit etwas besonders Wertvolles zu tun, sondern einfach um des Rufes willen, weil er sonst nicht hinter Jesus hergehen kann. Diesem Tun ist an sich nicht der geringste Wert beigemessen. Es bleibt in sich selbst etwas völlig Bedeutungsloses, Unbeachtliches. Die Brücken werden abgebrochen, und es wird  einfach vorwärtsgegangen. Man ist herausgerufen und soll „heraustreten“ aus der bisherigen Existenz, man soll „existieren“ im strengen Sinn des Wortes. Das Alte bleibt zurück, es wird ganz hingegeben.

Seit 2016 sind Bonhoeffers Werke nun gemeinfrei. „Nachfolge“ kann hier als pdf heruntergeladen werden.

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„Das Wort hat es alles gewirkt und ausgerichtet“

Summa summarum: predigen will ichs, sagen will ichs, schreiben will ichs. Aber zwingen, mit Gewalt dringen will ich niemand, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden. Nehmt (Euch) ein Beispiel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papisten entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt, ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp (Melanchthon) und Amsdorff getrunken habe, so viel getan, daß das Papsttum so schwach geworden ist, daß ihm noch nie ein Fürst noch Kaiser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles gewirkt und ausgerichtet.
[Martin Luther: Acht Sermone gepredigt zu Wittenberg in der Fastenzeit. Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 2474
(vgl. Luther-W Bd. 4, S. 69) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]

Luther auf dem Reichstag zu Worms. Kolorierter Holzschnitt von 1556, Bildrechte: gemeinfrei

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„In der Gewissheit, dass unsere Sünden durch Sein Opfer vergeben sind, finden wir Ruhe und Heilssicherheit.“

File:John Calvin 01.jpg

Der junge Jean Calvin

Nach dem Tode Heinrich VIII 1547 wurde Eduard VI, als einziger Sohn Heinrichs bereits mit 9 Jahren König von England und Irland. In diesem Alter hatte er natürlich nur repräsentative Funktionen, die eigentliche Macht hatte in den ersten 2,5 Jahren seiner Herrschaft Eduard Seymor, Duke (in etwa Herzog) of Somerset, in der Funktion eines Lordprotectors mit erweiterten Befugnissen. Diese nutzte er zur Freude der „Evangelicals“ im Land, um die Reformation intensiver voranzutreiben. Kein Wunder, dass den Duke auch ein Schreiben von Jean Calvin erreichte, verfasst am 22. Oktober 1548.  Der Calvin-Biograph Herman J. Selderhuis hält fest: „Calvin war unerschütterlich, opferbereit und kompromisslos. Seine Lehre wies alle Merkmale auf, die zur damaligen Zeit erfolgsversprechend waren: Sie war unkompliziert, biblisch begründet und klar formuliert und deshalb allen Menschen zugänglich. (…) Was Calvin im Jahr 1548 an den Herzog von Somerset schrieb, war tatsächlich schon 1536 (Anm. von mir: In diesem Jahr erschien die erste Auflage seiner berühmten Institutio) seine Lehre gewesen und sollte auch 1564 noch seine Lehre sein (Anm. von mir: Todesjahr Calvins) (…) Zwar schrieb Calvin später noch tausende von seiten mit ausführlicheren Erörterungen hierzu, aber tatsächlich findet sich in den Schriften nichts mehr als das, was auch schon auf dieser halben DIN-A4-Seite formuliert ist. Und das wurde alles durch seinen an Idealismus grenzenden Optimismus getragen.“ (S.75-76)

Datei:Edward Seymour Duke of Somerset.jpg

Edward Seymour Duke of Somerset

Die populäre Darstellung Calvins, der auch erfolgreiche Schriftsteller wie Stefan Zweig erlagen, als die einen freudlosen Zynikers und pessimistischen Eigenbrötler zeichnet, lässt sich nicht aufrechterhalten, wenn man die zahlreichen Briefe Calvins studiert. Wir finden einen mutigen, ehrlichen Christen, der seine Mitmenschen ernst nimmt. Den Duke of Somerset ermutigt er, der Führung Gottes zu vertrauen, mutig das Evangelium zu verkündigen und in schwierigen Zeiten auszuharren:

„…nämlich das wir Gott als einzigen Herren unserer Seele und sein Gesetz als einzige Regel und geistige Anleitung für unser Gewissen anerkennen, so dass wir Ihm nicht gemäß allerlei törichter menschlicher Anordnungen dienen. Weiter, dass er auf seine Art, im Geiste und mit reinem Herzen, verehrt werden will. Andererseits erkennen wir jedoch, dass wir im Inneren unselig sind, dass wir in all unserem Denken und Handeln verdorben sind, so dass unser Herz ein Abgrund des Bösen ist. Darum verzweifeln wir an uns selbst, weisen jeden Anspruch auf Weisheit, Würde oder Fähigkeit zum Guten ab. Wir wenden uns der Quelle von allem Guten zu, das ist Jesus Christus, und wir nehmen das an, was Er uns gibt, nämlich die Verdienste seines Leidens und Sterbens, damit wir dadurch die Versöhnung mit Gott erfahren. Rein gewaschen durch sein Blut, fürchten wir nun nicht mehr, dass wir aufgrund unserer Sünden vor dem himmlischen Thron keine Gnade finden werden. In der Gewissheit, dass unsere Sünden durch Sein Opfer vergeben sind, finden wir Ruhe und Heilssicherheit. Wir werden durch Seinen Geist geheiligt, um uns so gehorsam der Gerechtigkeit Gottes zu widmen. Gestärkt durch seine Gande werden wir den Teufel, die Welt und das Fleisch überwinden. Als Glieder Seines Körpers zweifeln wir schließlich nicht daran, dass Gott uns zu seinen Kindern zählt und dass wir Ihn voller Vertrauen als unseren Vater anrufen dürfen. Für uns ist es deutlich, dass alles, was in der Kirche gesagt und getan wird, auf dieser Hauptsache basiert, nämlich dass wir der Welt entzogen und in den Himmel hinauffahren werden mit unserem Haupt und unserem Heiland“

Einige Jahre später gelangt Maria I Tudor an die Macht und hinterlässt eine blutige Spur im englischen Protestantismus. Trost und „gute Unterweisung“ haben die Protestanten Englands also mehr als nötig gehabt.

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„Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.“

Pascal_BlaiseBeeindruckt bin ich von der mystischen Erfahrung Pascals, die er in einem Memorial festhielt, welches er in das Futter seines Rockes eingenäht hatte. Erst nach seinem Tode, entdeckte ein Diener diese zufällig:

„Jahr der Gnade 1654 Montag, den 23. November, Tag des heiligen Klemens, Papst und Märtyrer, und anderer im Martyrologium.
Vorabend des Tages des heiligen Chrysogonos, Märtyrer, und anderer.
Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht
Feuer
Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten.
Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Der Gott Jesu Christi.
Deum meum et Deum vestrum.
Dein Gott ist mein Gott.
Vergessen der Welt und aller, nur Gottes nicht.
Er ist allein auf den Wegen zu finden, die das Evangelium lehrt.
Größe der menschlichen Seele Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich.
Freude, Freude, Freude, Freudentränen.
Ich habe mich von ihm getrennt.
Dereliquerunt me fontem aquae vivae.
Mein Gott, wirst du mich verlassen?
Möge ich nicht auf ewig von ihm getrennt sein.
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.
Jesus Christus!
Jesus Christus!
Ich habe mich von ihm getrennt, ich habe mich ihm entzogen, habe ihn geleugnet und gekreuzigt.
Möge ich niemals von ihm getrennt sein.
Er ist allein auf den Wegen zu bewahren, die im Evangelium gelehrt werden. Vollkommene Unterwerfung unter Jesus Christus und meinen geistlichen Führer.
Ewige Freude für einen Tag der Mühe auf Erden.
Non obliviscar sermones tuos. Amen.“

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