
In diesem Buch, das mit zahlreichen Graphiken erweitert wird stellt Karl-Heinz Vanheiden die Entwicklung der Textkritik von den bereits ersten Stunden der Kirchengeschichte über die Funde phänomenaler Handschriften und Papyri in den letzten beiden Jahrhunderten sowie eine ausführliche Besprechung der Entstehung des sogenannten Textus Receptus.
150 Seiten, Hardcover, erschienen in SCM/CV Dillenburg, 2. Auflage 2014. Mit zahlreichen Abbildungen. Gegenwärtig nur gebraucht erhältlich.
IImmer wieder sind Christen beunruhigt, eine „verfälschte Bibel“ in der Hand zu halten. Ich glaube, es ist unmöglich, „evangelikal aufzuwachsen“ und nicht früher oder später auf den Konflikt Nestle-Aland oder Textus Receptus zu stoßen. Die Fronten sind hier oft verhärtet – ebenso die Rhetorik. Manche Christen lehnen jegliche Textkritik ab, d. h. die Beurteilung und Bewertung der Unterschiede zwischen zwei oder mehreren überlieferten Handschriften eines biblischen Textes. Wer sich in dieser Frage mehr Durchblick wünscht, ohne gleich ein allzu dickes Buch studieren zu müssen, trifft mit Näher am Original? die richtige Wahl.
Da der Autor selbst Bibelübersetzer ist, spricht er in seinem Buch auch aus praktischer Erfahrung. Es ist im Übrigen kein Plädoyer für den Nestle-Aland-Text, wohl aber dafür, dass Textkritik zulässig und notwendig ist – und dass sie der Gemeinde zum Segen wird. Denn heute wissen wir besser und genauer über Inhalt und Zuverlässigkeit des Neuen Testaments Bescheid als noch die Reformatoren vor einigen Jahrhunderten. Während Erasmus von Rotterdam nur etwa zwölf Handschriften zur Verfügung hatte, sind inzwischen zahlreiche weitere Handschriften, Papyri und Übersetzungen entdeckt worden, die oft deutlich älter sind.
Dem Autor gelingt es, die oftmals aggressiven und überzogenen Argumente mancher Textus-Receptus-Verteidiger bereits durch seine ruhige und sachliche Art zu entkräften. So zeigt er etwa, dass das sogenannte Comma Johanneum nicht einmal in der Lutherbibel von 1545 enthalten war. Eine besondere Stärke des Buches liegt zudem in der gründlichen Recherche zur Arbeit von Erasmus mit den griechischen Texten. Bekannte Handschriften werden vorgestellt – sowohl im Hinblick auf ihre Entdeckung als auch auf ihre Bedeutung für die Textkritik und damit für die Übersetzungsarbeit.
Überrascht hat mich, dass die King-James-Only-Bewegung, die im amerikanischen Raum häufig mit dem Beharren auf Übersetzungen auf Grundlage des Textus Receptus verbunden ist, ursprünglich mit den Schriften eines adventistischen Predigers begann!
Das Buch ist fesselnd und zugleich leicht verständlich geschrieben. Die im Anhang gewählten Grafiken sind gut ausgewählt und erläutern manche Fragestellung auch auf anschauliche Weise.
Weiteres:
Interview mit Karl-Heinz Vanheiden aus dem Jahr 2018.
Besprechung des Buches „Bibel-Chronik“.