Alle Artikel mit dem Schlagwort “Martin Luther

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„Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuren Manne…“

Durch Heiko A. Obermans Biographie über Martin Luther bin ich auf ein ungewöhnliches Werk Heinrich Heines aufmerksam geworden: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.

Das Werk ist in drei Teile aufgeteilt, dessen erster Teil die Religionsgeschichte in Deutschland bis einschließlich Luther beschreibt. Hier schildert Heine Luther als einen Nationalheld, der das Christentum überhaupt nach Deutschland brachte. Gleichzeitig möchte er (da er derzeit als Flüchtling in Frankreich lebt) zeigen, dass die radikalen rationalistischen Freiheits-bewegungen Frankreichs bei weitem nicht so viel „Freiheit“ erreichen werden, weil sie nur alter Katholizismus im säkularen Gewand bleiben:

„Jene Persiflage aber, namentlich die Voltairesche,  hat in Frankreich ihre Mission erfüllt, und wer sie  weiter fortsetzen wollte, handelte ebenso unzeitgemäß wie unklug. Denn wenn man die letzten sichtbaren Reste des Katholizismus vertilgen würde, könnte es  sich leicht ereignen, daß die Idee desselben sich in  eine neue Form, gleichsam in einen neuen Leib flüchtet und, sogar den Namen Christentum ablegend, in  dieser Umwandlung uns noch weit verdrießlicher belästigen könnte als in ihrer jetzigen gebrochenen, ruinierten und allgemein diskreditierten Gestalt. Ja, es hat sein Gutes, daß der Spiritualismus durch eine Religion und eine Priesterschaft repräsentiert werde, wovon die erstere ihre beste Kraft schon verloren und letztere mit dem ganzen Freiheitsenthusiasmus unserer Zeit in direkter Opposition steht.“

Verfolgt Heine hier eine Art Prä-Existentialismus? Interessanterweise schreibt Heine im Vorwort zur zweiten Auflage in aller Deutlichkeit über seine Bekehrung zum Theismus. In typischer sehr offener Heine-Art berichtet er: „Ich könnte zwar, wie manche Schriftsteller in solchen  Fällen tun, zu einer Milderung der Ausdrücke, zu  Verhüllungen durch Phrase meine Zuflucht nehmen; aber ich hasse im Grund meiner Seele die zweideutigen Worte, die heuchlerischen Blumen, die feigen Feigenblätter. Einem ehrlichen Manne bleibt aber  unter allen Umständen das unveräußerliche Recht,  seinen Irrtum offen zu gestehen, und ich will es ohne Scheu hier ausüben. Ich bekenne daher unumwunden, daß alles, was in diesem Buche namentlich auf die große Gottesfrage Bezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist.“ Heine erklärt auch, wie es zu diesem Wandel kam. Die Bekehrung geschah nicht durch ein Wunder, eine Vision oder eine Stimme vom Himmel, sondern „ganz einfach (durch) die Lektüre eines Buches. – Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltägig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt; ein Buch, das so traulich, so segnend gütig uns anblickt wie eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche liest, mit den lieben, bebenden Lippen und mit der Brille auf der Nase – und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kannihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.Heine war ein Popstar seiner Zeit und ähnlich wie bei Bob Dylan heute bleibt wohl unklar ob er sich nun zum Christentum oder zum Judentum bekehrt hatte. Weiterlesen

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„Den aller Welt Kreis nie beschloß, der liegt in Maria Schoß“

Luther hat das Magnifikat Marias (gemeint ist Luk. 1,46-55) mitten im heftigsten Bruch mit der Katholischen Kirche, noch von der Wartburg aus veröffentlicht. R. Friedenthal schreibt dazu in seiner Biographie über Luther (S. 366): „Noch ist er Mönch, die Marienverehrung ist ihm sehr lebendig geblieben. Mitten unter dem Tumult der Vorladung nach Worms hatte er bereits begonnen, das Magnifikat, den Lobgesang der Mutter Gottes, auszulegen. Jetzt vollendet er das Werk. Das ist ein völlig anderer Luther. Er donnert und tobt nicht. (…) Er sieht Maria in der Tracht und Umgebung seiner Zeit, ein „geringes, armes Dirnlein“, nicht besser als eine Hausmagd, und auch als der Engel ihr die Verkündigung überbracht hat, bleibt sie demütig, „ruft nicht aus, wie sie Gottes Mutter geworden wäre, fordert keine Ehre, geht hin und schafft im Haus wie vorhin, melkt die Kühe, kocht, wäscht Schüssel, kehret, tut wie eine Hausmagd oder Hausmutter tun soll in geringen, verachteten Werken.““. Friedenthal weist zurecht daraufhin, dass dieser „Respekt“ vor Maria noch bis in die Zeit Bachs wirkte, der das Magnifikat vertonte. Tatsächlich ist Luthers Buch über Maria ein gutes Andachtsbuch über das Thema Demut. Zu V.46 (Meine Seele erhebt den Herrn) führt Luther aus:

„Darum ist es hier nötig, (auf) das letzte Wörtlein zu merken: »Gott«. Denn Maria sagt nicht: »Meine Seele macht sich selbst groß« oder »hält viel von sich«. Sie wollte auch gar nichts von sich gehalten haben. Sondern allein Gott macht sie groß, dem schreibt sie es ganz allein zu. Sie nimmt es von sich weg und trägt es allein völlig wieder hin zu Gott, von dem sie es empfangen hatte.“

Rühmt sich Maria aber nicht doch wenigstens ihrer Demut, als sie sagt, dass der Herr ihre Niedrigkeit angesehen hat (V. 48)? Luther kritisiert in aller Schärfe diese falsche Demut:

„Das Wörtlein »humilitas« haben etliche hier zur »Demut« gemacht, als hätte die Jungfrau Maria ihre Demut angeführt und sich deren gerühmt. Daher kommt es, daß sich etliche Prälaten auch »humiles« (Demütige) nennen, welches gar weit von der Wahrheit (entfernt) ist. Denn vor Gottes Augen kann sich niemand einer guten Sache ohne Sünde und Verderben rühmen. Man muß sich vor ihm nichts mehr rühmen, als seiner lauteren Güte und Gnade, uns Unwürdigen erzeigt…“ Weiterlesen

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„Zur Pestzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen…“

(c) lizenzfrei: Luther bei den Pestkranken

Die Pest grassierte noch regelmäßig zur Zeit Luthers. Im April 1517 lockt der neue Ablaß von Papst Leo X. die von der Pest heimgesuchten Bürger von Wittenberg über die Grenze, was eine Verbreitung befeuert [1]. 1527 und 1528 ging in Wittenberg erneut die Pest umher. Diesmal war die Stadt durch ausländische Studenten deutlich gewachsen. Diesmal kostete die Pest auch Luthers Tochter Elisabeth das Leben [2]. In Wittenberg kommt das öffentliche Leben zum Erliegen. Die Universität z.B. wird kurzerhand verlegt. Luthers Erfahrungen mit dieser Zeit prägten selbt seine Ausführungen im großen Katechismus, der 1529 erscheint. Zum zweiten Gebot führt er aus:

„Darum haben wir auch zu Lohn, was wir suchen und verdienen: Pestilenz, Krieg, Teurung, Feuer, Wasser, ungeraten Weib, Kinder, Gesinde und allerlei Unrat. Wo sollte sonst des Jammers so viel herkommen? Es ist noch große Gnade, daß uns die Erde trägt und nähret.

1527, als die Pest am anschwellen ist, besteht für viele Pfarrer und sonstige Bürger aus der sozialen Oberschicht die Möglichkeit in eher sichere Quarantäne-Zustände zu fliehen. Da Luther hier mehrfach um Rat gefragt wird, entsteht die interessante Schrift: Ob man vor dem Sterben fliehen möge (ausführlicher besprochen: hier). Luther hält die Waage ziemlich ausgewogen: Er bestätigt das Recht zum Fliehen, unterstreicht aber auch die Pflicht zum Bleiben. Obwohl auch für ihn die Möglichkeit besteht, zum Kurfürsten zu fliehen, bleibt er in Wittenberg. Hier wird das von ihm bewohnte Kloster schnell zu einem Lazarett. Viele sterben, darunter, wie schon erwähnt seine Tochter. Die erste Tote im Ort ist die Frau des Stadtrats Tilo Dehn. Luther tröstet sie am Sterbebett. Einmal muss er einer Pestkranken Frau (wahrscheinlich der Schwester seines Beichtvaters Johannes Bugenhagen [3]) bei der Geburt ihres bereits toten Kindes helfen. Keine Hebamme ist da, Luther greift ein, und das Kind kommt unter furchtbaren Schmerzen zur Welt. Kurz darauf stirbt auch die Frau in seinen Armen. Und auch die Frau stirbt kurz darauf in seinen Armen [4].

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„Denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnöte kann man die Vorherbestimmung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn wider Gott behandeln.“

Luther in Erfurt, von J.N. Paton, 1861, (c) gemeinfrei

Martin Luther ist ein Theologe des Kreuzes. Auch Fragen nach der Prädestination verband er mit dem Kreuz Christi. In seiner Vorrede zum Brief des Paulus an die Römer (1522) schreibt er:

„Im neunten, zehnten und elften Kapitel lehret er von der ewigen Vorherbestimmung Gottes, woher es ursprünglich fließt, wer glauben oder nicht glauben soll, wer von Sünden los oder nicht loswerden kann, womit es ja ganz aus unsern Händen genommen und allein in Gottes Hand gegeben sei, daß wir fromm werden. Und das ist auch aufs allerhöchste not. Denn wir sind so schwach und ungewiß, daß, wenns bei uns stünde, freilich nicht ein Mensch selig würde, der Teufel würde sie gewißlich alle überwältigen. Aber nun Gott gewiß ist, daß ihm das, was er vorherbestimmt, nicht fehlgehet, noch jemand ihm wehren kann, haben wir noch Hoffnung wider die Sünde. Aber hier ist den frevelhaften und hochfahrenden Geistern eine Grenze zu stecken, die ihren Verstand zuerst hierher führen und damit anfangen, zuvor den Abgrund göttlicher Vorherbestimmung zu erforschen und sich damit vergeblich bekümmern, ob sie vorherbestimmt sind. Die müssen sich denn selbst stürzen, daß sie entweder verzagen oder alles aufs Spiel setzen. Du aber folge diesem Brief seiner Ordnung entsprechend, beschäftige dich zuvor mit Christus und dem Evangelium, daß du deine Sünde und seine Gnade erkennest, danach mit der Sünde streitest, wie hier das 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8. Kapitel gelehret haben. Danach, wenn du zum 8. (Kapitel) gekommen bist, unter das Kreuz und Leiden, wird dich das die Vorherbestimmung im 9., 10. und 11. Kapitel recht (verstehen) lehren, wie tröstlich sie sei. Denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnöte kann man die Vorherbestimmung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn wider Gott behandeln. Darum muß (der alte) Adam zuvor richtig tot sein, ehe er dies Ding leide und den starken Wein trinke. Darum sieh dich vor, daß du nicht Wein trinkest, wenn du noch ein Säugling bist. Eine jegliche Lehre hat ihr Maß, Zeit und Alter.“
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„Gottes Wort wird ohne Anfechtung nicht gelernt“

Luther im Kreise seiner Familie musizierend. Gemälde von Gustav Spangenberg (1828-1891)

Luther im Kreise seiner Familie musizierend. Gemälde von Gustav Spangenberg (1828-1891) (gemeinfrei)

In den letzten Wochen befielen mich Anfechtungen, die ich in dieser Intensität schon viele Jahre nicht erlebt habe. In C.S. Lewis‘ Dienstanweisung an den Unterteufel wird der Unterteufel letzten Endes für sein Versagen vom Oberteufel aufgefressen. Das Bild eines Teufels, der einen samt Haut und Haar fressen will, schwebt mir häufig in meinen Anfechtungen. Man ist mit einem Gegner konfrontiert, der einem zu stark ist. Zum Glück dürfen wir als Christen zu dem EINEN rennen, der den Satan in die Flucht jagt.

Ein Lehrmeister der Anfechtung, dürfte Martin Luther sein. Die Auswahl Kurt Alands, die ich als digitale Bibliothek besitze, liefert mehr als 315 Suchergebnisse für die Begriffe Anfechtung. In seiner Vorrede zum 1 Band der deutschen Schriften (1939), redet Luther über die „rechte Weise, Theologie zu studieren“. Man solle sich an Psalm 19 orientieren:

Da wirst du drei Regeln drin finden, die den ganzen Psalm hindurch reichlich vorgetragen werden. Sie heißen: Gebet, Meditation, Anfechtung.

Dass man Gottes Wort nicht ohne Anfechtung lernen kann,  bezeugte Luther regelmäßig in seinen Tischreden, so z.B. TR 15:

Meine Theologie hab ich nicht auf einmal gelernt, sondern ich hab immer tiefer und tiefer danach forschen müssen. Da haben mich meine Anfechtungen zu gebracht; denn die heilige Schrift kann man nimmermehr verstehen, außer durch Praxis und Anfechtungen. (…) So hat Paulus auch einen Teufel gehabt, der ihn mit Fäusten geschlagen und ihn so mit seinen Anfechtungen getrieben hat, fleißig in der heiligen Schrift zu studieren. So habe ich den Papst, die Universitäten und alle Gelehrten und durch sie den Teufel mir am Halse kleben gehabt; die haben mich in die Bibel gejagt, daß ich sie fleißig gelesen und damit ihr rechtes Verständnis endlich erlangt habe. Wenn wir sonst einen solchen Teufel nicht haben, so sind wir nur spekulative Theologen, die lediglich mit ihren Gedanken umgehen und mit ihrer Vernunft allein spekulieren, daß es so und also sein solle;

Luther spricht auch darüber, welche Anfechtung die größte ist (TR 175):

Die Anfechtung des Glaubens ist die allerschwerste, denn der Glaube soll alle anderen Anfechtungen und Übel überwinden. Wenn dieser nun in Anfechtungen unterliegt, so überfallen die anderen alle, auch die allerkleinsten, den Menschen. Wenn aber der Glaube bleibt, so kann man die allergrößten Anfechtungen verachten. Denn wenn der Glaube recht und gesund ist, nehmen die anderen Anfechtungen ab.

Danach ist wieder davor (und fühlt sich aufs Neue völlig neu an, in TR 186):

Wenn eine Anfechtung vorbei ist, dann ist bestimmt auch schon die nächste da, der wir uns entgegenstellen müssen. Und wenn diese andere kommt, betragen wir uns, als wäre sie die erste oder als ob wir überhaupt keine vorher gespürt hätten.

Der Angriffspunkt der Heilsgewissheit (TR 674):

Das ist die größte Anfechtung des Teufels, wenn er sagt: Gott haßt die Sünder. Du aber bist ein Sünder, also haßt Gott auch dich. Diese Anfechtung bekommt der eine so, der andere so zu spüren.  (…) Solche Anfechtungen sind uns sehr dienlich und nicht, wie es scheint, zum Verderben. Sie sind eine Unterweisung und jeder Christ soll bedenken, daß er ohne Anfechtungen Christus nicht recht erfahren kann.

Luther redete recht offen über seine Anfechtungen und sah in diesen ein Gnadenmittel (TR 676):

In dieser Zeit habe ich des öfteren mit Gott gehadert: in meiner Ungeduld warf ich ihm seine Versprechungen vor. Da lehrte mich Gott die heilige Schrift recht verstehen. Denn es ist sonst unmöglich, daß ein Mensch die heilige Schrift verstehe, wenn es ihm immer nach seinem Willen geht. Denn Gott will, daß wir nicht an unserer Ungeduld zerbrechen. Er sagt nämlich in seiner ganzen Schrift (Ps. 130, 6): Warte, warte »von einer Morgenwache bis in die Nacht!« Und er ist wahrlich ein feiner Gott. Wenn er schon nicht sofort hilft, so gibt er doch ein Maß, das man tragen kann. So sagt auch Hiob (13, 15 ff.): Wenn mich Gott schon erwürgte, so will ich doch auf ihn hoffen. Mag es immerhin sein, daß du dein Antlitz vor mir verbirgst, so kann ich dennoch nicht glauben, daß du mein Feind bist.

Aus der Veste Coburg 1530 schreibt er an Hieronymus Weller:

In dieser Art der Anfechtung und des Kampfes ist die Verachtung die beste und leichteste Weise den Teufel zu besiegen. Verlache den Widersacher und suche jemand auf, mit dem Du vertraulich plaudern kannst. Die Einsamkeit mußt Du auf jede Weise fliehen, denn so fängt er Dich am sichersten und stellt Dir nach, wenn Du allein bist. Durch Spott und Verachtung wird dieser Teufel überwunden, nicht durch Widerstand und Disputieren. Daher sollst Du mit meiner Frau und den anderen scherzen und spielen, damit Du diese teuflischen Gedanken zu Fall bringst, und sei darauf bedacht, daß Du guten Mutes bist, lieber Hieronymus. Diese Anfechtung ist Dir notwendiger als Speise und Trank. Ich will Dir erzählen, was mir einst widerfahren ist, als ich ungefähr in Deinem Alter war: Als ich frisch ins Kloster gekommen war, geschah es, daß ich immer traurig und betrübt einherging, auch diese Traurigkeit nicht ablegen konnte. Deshalb suchte ich Rat und beichtete Doktor Staupitz (dieses Mannes tue ich gern Erwähnung) und eröffnete ihm, was für greuliche und schreckliche Gedanken ich hätte. Darauf sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese Anfechtung ist, denn Gott plagt dich nicht umsonst so; du wirst sehen, daß er dich als einen Diener gebrauchen wird, um große Dinge auszurichten. Und so geschah es.

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„Das Wort hat es alles gewirkt und ausgerichtet“

Summa summarum: predigen will ichs, sagen will ichs, schreiben will ichs. Aber zwingen, mit Gewalt dringen will ich niemand, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden. Nehmt (Euch) ein Beispiel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papisten entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt, ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp (Melanchthon) und Amsdorff getrunken habe, so viel getan, daß das Papsttum so schwach geworden ist, daß ihm noch nie ein Fürst noch Kaiser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles gewirkt und ausgerichtet.
[Martin Luther: Acht Sermone gepredigt zu Wittenberg in der Fastenzeit. Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 2474
(vgl. Luther-W Bd. 4, S. 69) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]

Luther auf dem Reichstag zu Worms. Kolorierter Holzschnitt von 1556, Bildrechte: gemeinfrei

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Mit Lyndal Roper im Gespräch

(c) urheberrechtlich geschützt

Lyndal Roper ist eine australische Historikerin, die in Großbritannien lehrt.  Ihr Forschungsschwerpunkt ist die deutsche Kultur-, Religions- und Sozialgeschichte der frühen Neuzeit mit besonderer Hinsicht auf Geschlechterrollen, Körpergeschichte, Sexualität und Hexenverfolgung. (aus Wikipedia). Ich las ihre Luther-Biographie und war sehr angetan von der Präzision und Tiefgründigkeit der Darstellung angetan. Somit war ich dankbar für die Möglichkeit des Interviews. Roper veröffentlichte 2017 eine tiefgründige Biographie über die komplexe Persönlichkeit Luthers: Martin Luther – Renegade and Prophet (wörtlich: Abtrünniger und Prophet). Roper nahm sich Zeit um auf meine Fragen einzugehen. 

 

S.P.: Prof. Roper, viele Ihrer Bücher handeln über Hexen und ihre Verfolgung. Gibt es eine echte Verbindung zwischen Hexen und Luther?

L.R.: Ich empfand es als sehr erfrischend an Luther zu arbeiten, nach dem ich nun so lange so viel Zeit in Hexen und ihre Verfolgung investiert habe. Natürlich glaubte Luther daran, dass Hexen wirklich existierten, jedoch besaß er keine „Hexen-Jäger“- Mentalität. Wenn er krank war und an Kopfschmerzen oder Verstopfung litt, gab er nicht den Hexen die Schuld, sondern dem Teufel. Tatsächlich bestand er darauf, dass diese Attacken beweisen, dass er auf Christi Seite steht, denn er war würdig von Satan angegriffen zu werden. Ich empfand diese robuste Gewissheit als Erlösung, nachdem ich jahrelang an Hexenjägern gearbeitet hatte, die entschlossen waren, Frauen und Männer zu foltern und zu verhören, von denen sie glaubten, dass sie ihnen Schaden zufügen würden.

Wenn man als Historikerin an einem Hexenprozess arbeitet, hat man nur die Aufzeichnungen des Verhörs.  Die angeklagte Person nimmt man dann nur für einen einzigen Moment der Zeit auf. Keiner weiß, wie sie wirklich waren. Bei Luther jedoch, konnte ich seinem ganzen Leben folgen, ich konnte sehen, was andere über ihn schrieben, ich konnte seine eigene Schriften lesen, seine Gespräche zu Tisch und sein Interagieren mit Anderen durch seine Briefe. Und ich wusste auch, wie er aussieht, denn Cranachs Werkstatt hinterließ eine ganz beeindruckende Reihe an Bildern. Weiterlesen

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„In deiner Gerechtigkeit erlöse mich“

„Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Schrift von einer anderen Seite. Von daher durchlief ich die Schrift, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und las auch in anderen Ausdrücken die gleiche Struktur [analogia], wie: >das Werk Gottes<, d.h. was Gott in uns wirkt, >die Kraft Gottes<, mit der er uns kräftig macht, >die Weisheit Gottes<, mit der er uns weise macht, >die Stärke Gottes<, >das Heil Gottes<, >die Herrlichkeit Gottes<. Nun, mit wieviel Haß ich früher das Wort >Gerechtigkeit Gottes< gehaßt hatte, mit um so größerer Liebe pries ich dieses Wort als das für mich süßeste; so sehr war mir diese Paulusstelle wirklich die Pforte zum Paradies. Später las ich Augustins »De spiritu et littera«, wobei ich unverhoffterweise darauf stieß, daß auch er die Gerechtigkeit Gottes ähnlich interpretiert: [als die Gerechtigkeit], »mit der uns Gott bekleidet, indem er uns rechtfertigt«/1/. Und obwohl dies noch unvollkommen gesagt ist und Augustin von der Anrechnung [imputatio] nicht alles klar expliziert, gefiel es mir doch, daß die Gerechtigkeit Gottes gelehrt wird, mit der wir gerechtfertigt werden“

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„Lerne Christus, und zwar den Gekreuzigten“

Zahlreich sind die Briefe Luthers, die zu einem beachtlichen Teil auch noch erhalten sind. Hier einige Kostproben.

  • 8 April 1516 an Georg Spenlein. Ein Trostbrief an einen Bruder:

Daher, mein lieber Bruder, lerne Christus, und zwar den gekreuzigten, lerne ihm zu singen und an Dir selbst verzweifelnd zu ihm zu sprechen: Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deineSünde; du hast das Meine auf dich genommen und mir das Deine gegeben; du hast angenommen, was du nicht warst, und mir gegeben, was ich nicht war. Hüte Dich, daß Du niemals nach einer so großen Reinheit trachtest, daß Du Dir nicht als Sünder erscheinen oder gar kein Sünder sein willst. Denn Christus wohnt nur in Sündern.

 

  •  31. Oktober 1517 an Erzbischof Albrecht von Mainz. Bekümmert über den Zustand des Evangeliums (Am selben Tag wie der Thesenanschlag. Inhalt deutet Programm der Reformation bereits an):

So sind auch die Werke der Frömmigkeit und Nächstenliebe unendlich viel besser als der Ablaß. Und doch werden diese weder mit großer Pracht noch mit so großem Eifer gepredigt. Ja, sie müssen schweigen, damit der Ablaß gepredigt werden kann, während doch das aller Bischöfe vornehmlichstes und einziges Amt sein sollte, daß das Volk das Evangelium und die Liebe Christi lerne. Denn nirgendwo hat Christus befohlen, den Ablaß zu predigen. Aber das Evangelium zu predigen hat er nachdrücklich befohlen. Wie groß ist daher der Greuel, wie groß die Gefahr für einen Bischof, der – während das Evangelium verstummt – nichts anderes als das Ablaßgeschrei unter sein Volk zu bringen gestattet und sich um dieses mehr als um das Evangelium kümmert!

 

  • Anfang November 1517 an Kurfürst Friedrich den Weisen. Als Bettler um ein Gewand bittend (Luther lebte vor allem bis zur Eheschließung äußerst armselig):

Gnädigster Herr und Fürst! Wie mir E.F.G. im vorigen Jahr durch den Hirschfeld40 zusagten, ein neu Kleid zu geben, so komme ich nun und bitte E.F.G., desselben eingedenk zu sein …

 

  • 14 Dezember 1518 an Johannes Reuchlin. Dankbar für das Werk, dass Gott wirkt (Reuchlin verfasste unter schwersten Widerständen ein Lehrbuch für Hebräisch):

Das hat der Herr durch Dich gewirkt, daß dieser Teufel unter den Sophisten endlich einmal lernt, den rechten Studien der Theologie behutsamer und gelinder zu widerstehen, und Deutschland anfängt aufzuatmen, nachdem die Lehre der Schrift leider so viele Jahrhunderte nicht bloß unterdrückt, sondern vielmehr ausgelöscht war. Dieser Anfang in den so schönen Studien durfte nicht durch einen Menschen von geringem Ansehen gemacht werden.

 

  • Am 17. April 1521 an Johannes Cuspinianus. (Zwischen den beiden Prozesstagen vor dem Kaiser und der endgültigen Weigerung seine Werke zu widerrufen):

Aber ich werde auch nicht einen Buchstaben widerrufen, wenn Christus mir gnädig ist.

 

  • Am 28 April 1521 an Lukas Cranach. Ein Kommentar über den Reichstag zu Worms:

Man hat sich meiner Ankunft zu Worms nicht versehen, und wie mir das Geleit gehalten ist, wisset Ihr alle wohl aus dem Verbot, das mir entgegen kam. Ich meinte, Kaiserliche Majestät sollte einen Doktor oder fünfzig versammelt und den Mönch redlich überwunden haben. So (aber) ist nicht mehr hier verhandelt worden als so viel: Sind die Bücher dein? Ja. Willst du sie widerrufen oder nicht? Nein. So hebe dich (von dannen). O, wir blinden Deutschen, wie kindisch handeln wir und lassen uns so jämmerlich von den Romanisten äffen und narren!

 

Alle Zitate aus:
Martin Luther: 1516. Martin Luther: Gesammelte Werke, Ab  S. 7071
(vgl. Luther-W Bd. 10, S. 14) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm

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Tipp: Der Große Katechismus

Das sind die nötigsten Stücke, die man zuerst Wort für Wort herzusagen lernen muß. Und zwar soll man die Kinder daran gewöhnen, dass sie täglich, wenn sie morgens aufstehen, wenn sie zu Tisch gehen und wenn sie sich abends schlafen legen, es aufsagen müssen, und man soll ihnen nicht zu essen und zu trinken geben, bis sie es hergesagt haben. Auch ist jeder Hausvater verpflichtet, es in gleicher Weise mit dem Gesinde, Knechten und Mägden zu halten: er soll sie nicht bei sich behalten, wenn sie es nicht können oder nicht lernen wollen.

In typischer lutherischer Manier fängt der große Katechismus an. Die nötigsten Stücke sind dabei die zehn Gebote, das (apostolische Glaubensbekenntnis) und das Vater Unser.  So ist auch der Große Katechismus nicht mehr und nicht weniger als die Erklärung dieser „nötigsten Stücke“. Ich denke auch unsere Zeit hätte mehr Besinnung auf „Kinderunterricht“ oder Wahrheiten, die jedes Kind wissen sollte nötig. Wie oft sind wir uns in Fragen des Heils unsicher. Wie oft werden ethische Fragen mit Glaubensartikeln verwechselt. Wie oft fehlt uns auch die Kraft eine rechte Bewertung zwischen Recht und Unrecht zu fällen. So schließt auch Luther seine Besprechung der Zehn Gebote mit dieser Anmerkung ab:

So haben wir nun die Zehn Gebote, einen Auszug göttlicher Lehre, was wir tun sollen, daß unser ganzes Leben Gott gefalle, und den rechten Born und Kanal, aus und in welchem alles quellen und gehen muß, was gute Werke sein sollen; so daß außer den Zehn Geboten kein Werk noch Wesen gut und Gott gefällig kann sein, es sei so groß und köstlich vor der Welt, wie es wolle. Laß nun sehen, was unsere großen Heiligen von ihren geistlichen Orden und großen, schweren Werken rühmen können, die sie erdacht und aufgeworfen haben und diese hier haben fahren lassen, gerade als wären diese viel zu gering oder schon längst ausgerichtet. Ich meine wenigstens, man sollte hier alle Hände voll zu schaffen haben, daß man diesehielte: Sanftmut, Geduld und Liebe gegen Feinde, Keuschheit, Wohltat usw. und was solche Stücke mit sich bringen. Aber solche Werke gelten und leuchten nicht vor der Welt Augen, denn sie sind nicht selten und aufgeblasen, an besondere eigene Zeit, Stätte, Weise und Gebärde geheftet, sondern allgemeine, tägliche Hauswerke, die ein Nachbar gegen den andern treiben kann, darum haben sie kein Ansehen. Jene aber sperren (den Menschen) Augen und Ohren auf, dazu helfen sie selbst mit großem Gepränge, Unkosten und herrlichem Bauwerk und schmücken sie hervor, daß alles gleißen und leuchten muß. Da räuchert man, da singet und klinget man, da zündet man Kerzen und Lichte an, daß man vor diesen keine andere hören noch sehen könne. Denn daß da ein Pfaff in einem goldenen Meßgewand steht oder ein Laie den ganzen Tag in der Kirche auf den Knien liegt, das heißet ein köstlich Werk, das niemand genug loben kann. Aber daß ein armes Maidlein eines jungen Kindes wartet und treulich tut, was ihr befohlen ist, das muß nichts heißen Was sollen sonst Mönche und Nonnen in ihren Klöstern suchen?
[Martin Luther: Der große Katechismus (1529). Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 1819
(vgl. Luther-W Bd. 3, S. 75-76) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]

Prädikat: Besonders Wertvoll!