Alle Artikel in der Kategorie “Rezensionen

Kommentare 0

Hinweis: Gnade für dich

Gnade für dichGanz frisch auf deutsch ist ein kurzes evangelistisches Büchlein von John MacArthur aufgelegt worden: Gnade für dich erklärt anhand der Geschichte vom verlorenen Sohn (Lk. 15,11-32) das Evangelium. MacArthur gelingt es in Kürze aufzuzeigen, wie unverschämt Sünde ist, ohne den Kontext des Geschehens und der Situation von Christus zu verlieren:

„Um das Gleichnis jedoch richtig zu verstehen, müssen wir es mit den Augen eines Menschen in der Kultur des Judentums des ersten Jahrhunderts sehen. In einem solchen Umfeld war die Idee, dass Gott reuigen Sündern (einschließlich der schlimmsten von ihnen) uneingeschränkt entgegenkommt und ihnen vergibt, ein schockierendes und revolutionäres Konzept.Kaum einer in dieser Gesellschaft konnte sich Gott als einen solchen vorstellen, der Seine Hand Sündern ausstreckt.“

„Ein solcher Ausfall an Dreistigkeit hätte in jener Kultur zumindest einen kräftigen Schlag über das Gesicht als normale Reaktion des Vaters bedeutet. Das wäre üblicherweise in aller Öffentlichkeit gemacht worden, um den Sohn zu beschämen, der seinem Vater eine solche Verachtung erwiesen hatte. Somit konnte ein Sohn, der sich der Entehrung seines Vaters in diesem Schweregrad schuldig gemacht hatte, gut damit rechnen, von allem was er besaß enteignet zu werden, um dann für immer von der Familie abgewiesen zu werden. Betrachtet als ein Toter. So ernst war diese Verfehlung. Es war zu jener Zeit nicht unüblich, eine effektive Beerdigung für ein Kind abzuhalten, das sein Zuhause und seine Familie auf diese freche Weise verlassen  hatte. Noch heute ist es in strengen jüdischen Familien so, dass die Eltern zu einem Sohn oder einer Tochter manchmal »Kaddisch« sagen (das formelle Vortragen eines Beerdigungsgebets), um Ihre Ablehnung für diese Art von Verhalten auszudrücken.“

Kann nach einem solchen Bruch wieder Versöhnung stattfinden? Sie kann, wie Jesus in aller Deutlichkeit beim Erklären seines Gleichnisses unterstreicht. Doch wo bleibt dann die Sühne? Man kann das Gleichnis somit nur als eine Botschaft lesen, die zum Kreuz führt:

„Während es jeder von uns verdient,für seine Sünde zu sterben und die Ewigkeit getrennt von Gott zuzubringen – eine Existenz, die Jesus als unerträglich unglücklich beschrieb. (Matt. 13,41-50; Luk. 16,23-24) –, erduldete der Sohn Gottes unseretwegen die Strafe. Weil Jesus als unser Stellvertreter die Strafe für die Sünde bezahlte, kann uns unser himmlischer Vater völlige Vergebung für die Sünde anbieten, ohne die Gerechtigkeit zurückzustellen oder seine eigene völlig gerechte Natur zu verleugnen.“

Das Buch eignet sich in besonderer Weise für Teenager aus christlichen Häusern, die mit dem Gedanken spielen, den Glauben zu verlassen. Offensichtlich ist MacArthur eine aktualisierte Fassung von „Jesus unser Schicksal“ gelungen, wobei Wilhelm Busch meines Erachtens näher und direkter in die Situation der Menschen gesprochen hat.

Das 70 Seiten lange Büchlein ist für 5,90EUR bei Voice of Hope erhältlich.

Kommentare 0

Neuanfang – von David Powlison

– Im Folgenden eine Rezension von meinem Freund und Bruder Viktor, der mir die Genehmigung erteilt hat, diese Besprechung auch hier zu veröffentlichen. Wie Viktor richtig hinweist, hat das Buch eine weitaus größere Zielgruppe als Opfer sexueller Übergriffe. Für mich persönlich war es in vielen Bereichen eine Hilfestellung – 

Ich möchte in diesem Artikel ein Buch von David Powlison empfehlen, in dem es sowohl um sexuelle Übertretung als auch um das dadurch entstandene Leid geht:

Manche Bücher sind mit der Absicht geschrieben worden, Menschen im Kampf gegen ihre unmoralischen sexuellen Impulse zu helfen. Andere Bücher verfolgen das Ziel, Menschen in ihrem Kampf gegen die Auswirkungen von sexueller Untreue, Belästigung und Gewalt zu helfen. Doch dieses Buch soll bewusst in beide Richtungen blicken. Sünde und Leid sind zwei grundlegend unterschiedliche Dinge. Was Sie tun und was Ihnen geschieht, könnte nicht unterschiedlicher sein. Doch beides vermischt sich in der DNA der menschlichen Natur. Alle menschliche Erfahrung ist von einer Doppelhelix der Finsternis durchzogen. Die meisten Bücher über sexuelle Heiligung behandeln das Problem der Sünde und widmen sich höchstens am Rande den äußeren Kräften, die verlocken oder quälen. Und in den meisten Büchern für Opfer sexueller Gewalt geht es nicht um Heiligung und nur am Rande um unseren instinktiven Unglauben und unseren Impuls, falsch zu reagieren, wenn uns schweres Unrecht angetan wurde. Doch in der Heiligung geht es sowohl um Übertretungen als auch im Leid, sowie um deren permanentes Wechselspiel. Das ist von entscheidender Bedeutung denn es trifft sowohl auf die Bibel wie auf das Leben zu. Seite 17f

Wen betrifft das Thema?

Als ich das Buch zum ersten Mal in der Hand hielt, dachte ich zunächst, dass mich das Thema nicht wirklich betrifft. Doch je mehr ich las, desto mehr wurde mir klar: das Thema berührt auf die eine oder andere Art fast jeden Menschen. Der Kampf spielt sich nämlich auf den verschiedensten Ebenen ab, bei manchen sehr offensichtlich, bei anderen subtiler, fast unbemerkt. Weiterlesen

Kommentare 0

„Wenn auch unser äußerer Mensch zugrunde geht…“

„Darum lassen wir uns nicht entmutigen; sondern wenn auch unser äußerer Mensch zugrunde geht, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert“ („2. Kor 4,16). Das lesen der Bücher von Welch oder Powlison erinnert mich regelmäßig an die Puritaner. Warum? Ähnlich wie die Puritaner kreisen diese sehr lange und intensiv um einzelne wenige Bibelabschnitte. Etwas was ich zunächst als lästig und überflüssig empfand, empfinde ich nun zunehmend als hilfreich. Warum? Weil es mir hilft in ersten überwältigenden Situationen den Überblick zu behalten und einen Startpunkt zu haben: Es kommt jemand auf dich zu und überschüttet dich mit einer Notsituation, z.B. den Bericht über ADHS. In Kürze kommen eine Menge vielschichtiger Probleme auf einen zu, so dass man kaum noch klar sehen kann. Sich in einer solchen Situation an eine Schriftstelle festhalten zu können, ist wie die Eroberung eines Stückchen „Linsenfeld“ (2. Sam. 23,11) in all dem Chaos.

Dabei bietet das Buch von Welch weitreichende Hilfe für sehr unterschiedliche Situationen. Vor allem seine konsequente Verteidigung der biblischen Dichotomie dürfte eine notwendige Handreichung sein. Die Unterscheidung zwischen körperlichen Gebrechen und der Sünde des Herzens hält der Autor konsequent durch:

„Was ist mit anderen Symptomen, wie zum Beispiel Halluzinationen? Offenbaren sie ein geistiges Problem, ein körperliches Problem oder gar beides? Um diese Frage zu beantworten, wenden Sie einfach einen Test an: Verbietet die Bibel Halluzinationen? Die klare Antwort ist: Nein. Deswegen verurteilen wir diese Menschen nicht, sondern drücken ihnen unser Mitgefühl aus. Selbst wenn einige durch ihre Halluzinationen in Sünde fallen oder die Halluzination durch Sünde, etwa das Einnehmen von Drogen, entstanden ist: Halluzinationen für sich genommen sind keine Sünde. Sie sind Ergebnis einer körperlichen Schwäche“ (S. 39)

Warum erschrecken wir als Christen oft mehr vor der Halluzination (oder ähnlich: Schizophrenie) mehr, als vor der Hilfsbedürftigen des Menschen. Ich fürchte Schizophreniker wird man in konservativen Kreisen selten mit dem Kreuz Christi trösten, sondern diesen eher sogar die Taufe versagen und sie erstmal in einen Exorzismus-Zyklus führen. Auch dabei dürfte die Ursache darin liegen, dass man nicht zwischen Sünde (des Herzens) und Schwäche (des Leibes) unterscheidet.

Welch bespricht in seinem Buch unterschiedliche Kategorien sogenannter zerebraler Probleme aus Sicht der Bibel. Diese unterscheidet er in drei Kategorien: Klare Fehlfunktion des Gehrns (Alzheimer, Demenz und Kopfverletzungen), Mögliche Fehlfunktion des Gehirns (Depressionen und ADS/ADHS) und keine Fehlfunktion des Gehirns (Homosexualität und Alkoholismus). Im Umgang mit Menschen, die von einer klaren Fehlfunktion des Gehirns betroffen sind, habe ich mich dabei ertappt, dass ich nicht bereit bin, mit der nötigen Rücksicht auf solche Leute zu zugehen. Ich würde davon ausgehen, dass ich kein weiteres Material, keine weitere Unterstützung benötigen würde, um z.b. mit einem Demenz-Kranken klar zukommen. Diese vermeintliche Sicherheit ist aber eher auf Selbstüberschätzung zurückzuführen.

Das Buch ist von zahlreichen Praxis-Beispielen durchzogen. Beeindruckt hat mich, wie die beschriebenen Folgen nach einer Kopfverletzung nahezu genau so auch in unserem fernen Freundeskreis erlebt wurden. Diese herausfordernden Situationen benötigen viel Unterstützung, auch von Gemeinde und Verwandten und Freunden. Man sollte nicht einfach so weitermachen wie bisher.

In einem anderen Fall beschreibt Welch sehr eindrücklich, wie eine von Depressionen betroffene Schwester sich an diesen festklammerte, weil sie ihre Art der Selbstsühne waren. In solchen Momenten wird der Kampfplatz des Herzens in besonderer Weise offen gelegt. In einem anderen Fall ist der Verweis auf eine Aufmerksamkeitsstörung ein angenehmes Mittel der Selbstrechtfertigung. Reagiert man hier nur mit biologischen Lösungen, wird weder die eigentliche Not der Betroffenen gelöst, noch wirklich der Heiligung nachgejagt (Man erinnert sich wieder an die obige Bibelstelle). Ausgewogenheit ist gefordert:

Es ist ein Unterschied, ob Sie ihrem Kind sagen: „Räum dein Zimmer auf!“ oder „Schlag deinen Bruder nicht!“ Das Kind hat ein Gewissen und weiß intuitiv, dass es andere auch in seiner Wut nicht schlagen darf. Solches Verhalten ist sogar dann noch falsch, wenn die Eltern nicht sagen: „Schlag ihn nicht!“ Aber das Kind hat kein Gewissen, das ihm sagt, es sei moralisch verwerflich, ein unaufgeräumtes Zimmer zu hinterlassen. Eigentlich ist das unaufgeräumte Zimmer eine Verletzung des Gebotes, seinen Eltern zu gehorchen, doch in manchen Fällen ist Ungehorsam nicht die passende biblische Kategorie. Verständnis für das Herz des Kindes könnte auf eine körperliche Beschränkung (zum Beispiel Gedächtnisprobleme) oder Unwissenheit hinweisen und nicht auf geistliche Rebellion. Es gibt keine Entschuldigung für Sünde wie Wut und liebloses Verhalten, aber manchmal gibt es eine Entschuldigung für ein nicht aufgeräumtes Zimmer.“ (S. 124)

In ähnlicher Weise warnt Welch davor, Homosexuelle mit oberflächlichen Antworten abzuspeisen:

„Die Homosexuellen sind in einer heiklen Position: Sie lehnen sich gegen den heiligen Gott auf, aber ihnen ist in gewisser Weise bewusst, dass sie in Sünde leben und sie haben Angst vor Gottes Zorn (Röm 1.).  Sie glauben nicht, dass Gott sich dazu bringen lässt, ihnen wirklich zu vergeben. (…) Es gibt keinen wichtigeren Faktor in der Veränderung eines Homosexuellen als den sicheren Glauben, dass ihre oder seine Sünde von der tiefsten Wurzel an vergeben worden sind.“ (S.156)

Trotz der derart unterschiedlichen Themen ist es Welch gelungen, diese eng zusammenzuhalten. Die Antworten auf all diese Fragen ist immer noch nicht einfach, aber es gibt sie: „Sie sind vorhanden, wenn wir tiefer in der Schrift graben und versuchen, neue Anwendungen für alte Wahrheiten zu entwickeln. Eine liegt uns seit Jahren vor: Wir sind als Einheit von Geist und Körper geschaffen. Ihre Anwendung hat schlicht auf diese und ähnliche Fragen gewartet.“ (S.183).

Es verwundert entsprechend nicht, dass die deutsche Übersetzung dieses Werkes bereits in vierter Auflage vorliegt.

Kommentare 0

“ Welch süsser Tausch, welch unerforschliches Walten, welch unverhoffte Wohltat…“

Faith Alone: Audio Lectures TitelbildIch höre derzeit mit Genuss Thomas R. Schreiners Werk (von ihm selbst vorgelesen übrigens): Faith Alone, welches ich via Audible erwerben konnte.

Schreiner fängt sein Werk mit einer Betrachtung der historischen Entwicklung der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben an. Für einen Protestanten ist es hierbei immer spannend, wie die Kirchenväter zu diesem Thema standen. Fasziniert hat mich diese Aussage aus dem Brief des Mathetes an Diognetus. Der Verweis auf den süßen (oder fröhlichen) Tausch erinnert an Martin Luther. Hier findet sich dieses Werk in der Bibliothek der Kirchenväter. Insgesamt ist dieses Schreiben als eine sehr frühe christliche Schriftdes 2 Jh. zu werten. Die Idee dieses Zitat zu strukturieren habe ich von Justin Taylor von TGC.

Als aber das Mass unserer Ungerechtigkeit voll
und es völlig klar geworden war, dass als ihr Lohn Strafe und Tod uns erwarte,

und als der Zeitpunkt gekommen war,
den Gott vorausbestimmt hatte,

um fortan seine Güte und Macht zu offenbaren,
– o überschwengliche Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes

– da

hasste
und verstiess er uns nicht
und gedachte nicht des Bösen,

sondern

war langmütig und geduldig
und nahm aus Erbarmen selbst unsere Sünden auf sich;
er selbst gab den eigenen Sohn als Lösepreis für uns,

den Heiligen für die Unheiligen,
den Unschuldigen für die Sünder,
den Gerechten für die Ungerechten,
den Unvergänglichen für die Vergänglichen,
den Unsterblichen für die Sterblichen.

Denn was anders war imstande, unsere Sünden zu verdecken als seine Gerechtigkeit?
In wem konnten wir Missetäter und Gottlose gerechtfertigt werden, wenn nicht allein im   Sohne Gottes?

Welch süßer Tausch,
welch unerforschliches Walten,
welch unverhoffte Wohltat,

dass die Ungerechtigkeit vieler in einem Gerechten verborgen würde und die Gerechtigkeit eines einzigen viele Sünder rechtfertige!

Kommentare 0

Grand Theft Logos

Aufgrund der Corona-Situation gibt es aktuell (aber wohl nicht mehr lange) 30% auf alle Logos-Basis Pakete (englisch / deutsch). Das dürfte ein recht guter Zeitpunkt sein, um meine Erfahrungen mit Logos zu teilen.

Warum nicht CLeVer?

Kurz: CLeVer ist wirklich toll. Für knapp 20€ bekommt man Einiges geboten. Nur man bleibt dann entsprechend im dispensationalistischen Umfang von CLeVer „gefangen“ (nicht wertend gemeint). In etwa ein vergleichbarer Umfang dürfte bei Logos das „Fundamentals“ Paket sein, welches aktuell für 50$ zu haben ist. Natürlich besitzt Logos viele großartige Softwarefunktionen, die viele andere Programme nicht in dieser Art bieten können. Mein persönliches Kaufkriterium war und bleibt aber die umfangreiche Bibliothek.

Taugt die Bibliothek was?

Im Laufe von knapp 1,5 Jahren ist meine Logos Bibliothek auf knapp 2000 Bände gewachsen. In der Tat ist es so, das von den 2000 Werken jetzt nicht jedes Werk ein großartiges Meisterwerk ist. Manche der Bücher hätte man z.B. auf CCEL oder Monergism als e-book kostenlos laden können. Als Bestandteil einer durchsuchbaren Datenbank ist aber auch jedes lizenzfreie Buch Gold wert. Nun kann ich durchsuchen, wie Thomas Watson mit einem bestimmten Bibelvers umgegangen ist. Aber lasst uns einen tatsächlichen Blick in die Bibliothek werfen. Im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit dem Buch Richter habe ich mir mal meine Kommentare zu diesem Buch angeschaut. Diese wirklich erstklassigen Kommentare finden sich darin:

Autor Kommentar-Reihe Preis (Amazon) für Neues „analoges“ Buch
Daniel Block NAC 33€
Cundall/Morris TOTC 24€
Mayes OTG ca. 8€
Schwab The Gospel according to the Old Testament 14,50€
Beldmann THOTC 23,50€
Stone CBC (Josua, Richter, Ruth) 38€

Nun ist Richter wirklich nicht das Buch zu dem man viele Kommentare findet. Die „buchspezifischen“ Kommentare, werden von Gesamt-Kommentaren zum AT und NT ergänzt, z.B. von Barnes, Jamieson oder Nicoll. Diese Art von Kommentaren gehören aber zu solchen, die ich  persönlich weniger gerne nutze. Schon lieber habe ich da die von Logos gratis bereitgestellte Synopsis des Alten Testaments.

Da mein Herz in besonderer Weise für die biblische Theologie schlägt, freue ich mich mittlerweile über knapp 150 Bände zu diesem Bereich. Eine kleine Auswahl: Weiterlesen

Kommentare 2

Eine komplexe und vielfältige Geschichte

Je mehr ich mich mit dem Buch Richter befasse, desto mehr staune ich über die literarische Komplexität dieses Geniestreichs hebräischer Geschichtsschreibung. Ein Hinweis von A.E. Cundall, den ich mit euch teilen möchte:

„Wir sollten darauf achten, dass wir nicht auf leichtfertige Weise unsere westlichen Beobachtungs- und Analyse-Methoden in das Studium antiker Nahöstlicher Dokumente importieren. Zum Beispiel werden im Buch Richter nicht weniger als fünf Gründe dafür angegeben, warum Israel daran scheitert, das Land Kanaan einzunehmen. Es lag an den überlegenen Waffen und Befestigungsanlagen der Kanaaniter (1,19), es lag an Israels Neigung, mit den Einwohnern des Landes Bündnisse zu schließen (2,1-5). Ein Grund lag in der Sünde Israels und der notwendigen Bestrafung dafür (2,20-21). Auch wollte Gott Israels Treue testen (2,22-23; 3,4). Schließlich sollte Israel auch Kriegstechnik erlernen. (3,1-3). Anzunehmen, dass hierin eine Inkonsistenz vorliegt, würde bedeuten, dass man den grundlegenden hebräischen Entwurf des Lebens verwirft, der ein hoch entwickeltes Konzept der Souveräntität Gottes besaß. Israel versagte bei der Eroberung aus sehr klaren Gründen und so blieben die ursprünglichen Eiwnohner im Land, doch Gott „übersteuerte“ selbst das zum Besten seines Volkes. Es gibt keinen Grund an dieser Stelle zwei oder mehr (Überlieferungs-) Traditionen anzunehmen. Alle fünf Gründe lagen dem Hebräischen Verständnis zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kontexten vor Augen. In ähnlicher Weise könnten wir vor der Weise zurückschrecken, in der Israel in die Hand bestimmter Unterdrücker ausgeliefert wird, um anschließend durch einen bestimmten Richter befreit und regiert zu werden, während der Kontext es sehr deutlich macht, dass nur eine kleine Zahl der Stämme und ein relativ kleiner Teil des Landes betroffen war. Eine Erklärung dafür könnte in dem hebräischen Verständnis der ethnischen Solidarität liegen. ( Aus: Cundall, A. E., & Morris, L. (1968). Judges and Ruth: an introduction and commentary (Bd. 7, S. 25–26). Downers Grove, IL: InterVarsity Press.)

Hier noch der Originaltext: Weiterlesen

Kommentare 4

Corona und Christus

„Der Grund, warum wir es alle verdienen, umzukommen, ist nicht eine Liste von Regelverstößen, sondern der unendliche Wert, den wir verachtet haben – der unendliche Wert all dessen, was Gott für uns in Jesus Christus bedeutet“ (J. Piper in Corona und Christus, S 64f.) 

John Piper hat unmittelbar nach Ausbruch der Corona-Krise ein Buch über dieses alles beherrschende Thema verfasst. Gerade weil wir langsam anfangen, uns auf ein Leben mit dem Virus einzustellen, freue ich mich auf die deutsche Übersetzung des Buches, die von E21 derart schnell realisiert wurde. Hut ab!

Pipers Antwort ist in vielerlei Weise befreiend: Er verweist immer wieder darauf, dass es sich lohnt, Gott zu vertrauen. Gott ist ein unerschütterlicher Fels, dessen Wort absolut zuverlässig ist. Hier zeigen 50 Jahre Pastorendienst ihre feinen und sensiblen Früchte. Damit unterscheidet sich Pipers Ansatz meines Erachtens deutlich von dem Ansatz des evangelikalen Fundamentalismus hierzulande, der keine Antwort auf die Pandemie geben kann und ich würde hinzufügen, auch keine Antwort geben will. Ein Beispiel: Bereits am 22.03.2020 veröffentlichte die EFK Riedlingen auf Youtube eine Predigt, die sich mit der Pandemie auseinandersetzt, die bis heute bereits über 60.000 Mal angehört wurde. Als ich die Zahlen der Aufrufe sah, war ich darüber verwundert, dass es überhaupt so viele Evangelikale (zumindest derart konservativer Prägung) in Deutschland gibt. Völlig mit Entsetzen erfüllt mich aber die Art der Reaktion, die hier gegeben wird. „Als möglicherweise letzter dringender Ruf Gottes zur Buße“ getarnt, wird ein  eigentlich politisches Programm abgespielt, bei dem die Bösen „da oben“ für alles schuld sind. Wer also Buße tun muss, macht der Prediger unbarmerherzig deutlich… Würde also bloß Merkel „und die anderen da oben“ doch umkehren, wäre alles wieder so „großartig wie früher“. Reichlich darunter gestreut sind verschiedene Vermutungen und Anmaßungen, die einen hervorragenden Boden für Verschwörungstheorien bitten und offensichtlich auch mit dem Zweck geäußert werden, diese anzuheizen. Welchen Trost das einem vom Corona-Virus schwer Erkrankten, oder einem indirekt Betroffenen (z.B. durch Arbeitslosigkeit), oder einem Menschen unter Angst geben soll, bleibt dabei völlig unklar. Doch genau diese Art an Antworten zieht in unfassbar vielen Kreisen, zumindest in denen ich mich bewege. Statt in Buße und Glauben umzukehren, statt das Evangelium zu suchen, statt sich am Worte Gottes zu sätigen, tarnt man sich als Verschwörungs-Experte. Das sind mal erbärmliche Feigenblätter. Weiterlesen

Kommentare 2

Right in Their Own Eyes

Mit Freuden habe ich George Schwabs mutigen Kommentar über das Buch der Richter gelesen. Der Kommentar besitzt eine spannende Eröffnung über Simson: Wieso befällt der Geist Gottes Simson gerade dann, als er gegen ein Löwenjunges kämpft. Wenn man bedenkt wie selten im Alten Testament der Geist Gottes auf Menschen fällt, findet hier etwas außergewöhnliches statt und ist dabei doch so trivial. Schwab öffnete mir die Augen für die Kompexität und die Kunstfertigkeit des Buches Richters. Der Autor berichtet zuverlässige Geschichte, aber er berichtet sie nicht so, wie wir das als Westler gewöhnt sind. So ist die Chronologie der Ereignisse unwesentlich, während die Richter selbst nach den Stämmen (12 an der Zahl, von jedem Stamm einer), und dann auch eher geographisch sortiert, besprochen werden. Den vor allem ungewöhnlichen und problematischen Kandidaten gilt dabei der besondere Augenmerk. Dass es mehr als unnatürlich ist, dass Bienen in einem toten Kadaver leben ist nur ein Hinweis darauf, dass das Volk Gottes im Land wo Honig fließt, umgeben von toten Heidenvölkern lebt.  Weiterlesen

Kommentare 3

„Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuren Manne…“

Durch Heiko A. Obermans Biographie über Martin Luther bin ich auf ein ungewöhnliches Werk Heinrich Heines aufmerksam geworden: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.

Das Werk ist in drei Teile aufgeteilt, dessen erster Teil die Religionsgeschichte in Deutschland bis einschließlich Luther beschreibt. Hier schildert Heine Luther als einen Nationalheld, der das Christentum überhaupt nach Deutschland brachte. Gleichzeitig möchte er (da er derzeit als Flüchtling in Frankreich lebt) zeigen, dass die radikalen rationalistischen Freiheits-bewegungen Frankreichs bei weitem nicht so viel „Freiheit“ erreichen werden, weil sie nur alter Katholizismus im säkularen Gewand bleiben:

„Jene Persiflage aber, namentlich die Voltairesche,  hat in Frankreich ihre Mission erfüllt, und wer sie  weiter fortsetzen wollte, handelte ebenso unzeitgemäß wie unklug. Denn wenn man die letzten sichtbaren Reste des Katholizismus vertilgen würde, könnte es  sich leicht ereignen, daß die Idee desselben sich in  eine neue Form, gleichsam in einen neuen Leib flüchtet und, sogar den Namen Christentum ablegend, in  dieser Umwandlung uns noch weit verdrießlicher belästigen könnte als in ihrer jetzigen gebrochenen, ruinierten und allgemein diskreditierten Gestalt. Ja, es hat sein Gutes, daß der Spiritualismus durch eine Religion und eine Priesterschaft repräsentiert werde, wovon die erstere ihre beste Kraft schon verloren und letztere mit dem ganzen Freiheitsenthusiasmus unserer Zeit in direkter Opposition steht.“

Verfolgt Heine hier eine Art Prä-Existentialismus? Interessanterweise schreibt Heine im Vorwort zur zweiten Auflage in aller Deutlichkeit über seine Bekehrung zum Theismus. In typischer sehr offener Heine-Art berichtet er: „Ich könnte zwar, wie manche Schriftsteller in solchen  Fällen tun, zu einer Milderung der Ausdrücke, zu  Verhüllungen durch Phrase meine Zuflucht nehmen; aber ich hasse im Grund meiner Seele die zweideutigen Worte, die heuchlerischen Blumen, die feigen Feigenblätter. Einem ehrlichen Manne bleibt aber  unter allen Umständen das unveräußerliche Recht,  seinen Irrtum offen zu gestehen, und ich will es ohne Scheu hier ausüben. Ich bekenne daher unumwunden, daß alles, was in diesem Buche namentlich auf die große Gottesfrage Bezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist.“ Heine erklärt auch, wie es zu diesem Wandel kam. Die Bekehrung geschah nicht durch ein Wunder, eine Vision oder eine Stimme vom Himmel, sondern „ganz einfach (durch) die Lektüre eines Buches. – Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltägig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt; ein Buch, das so traulich, so segnend gütig uns anblickt wie eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche liest, mit den lieben, bebenden Lippen und mit der Brille auf der Nase – und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kannihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.Heine war ein Popstar seiner Zeit und ähnlich wie bei Bob Dylan heute bleibt wohl unklar ob er sich nun zum Christentum oder zum Judentum bekehrt hatte. Weiterlesen

Kommentare 0

„Jeder tat, was ihn recht dünkte“

Judges For You (God's Word For You) (English Edition) von [Keller, Timothy]Da man derzeit auch Kinderstunde von zu Hause machen muss, habe ich mir überlegt, die Lektionen aus dem Buch Richter mit den Kindern zu besprechen. Ich bin darüber gestolpert, da das Buch Richter einfach als historische Tatsache wahrgenommen wird. Geistliche Lektion?- zumeist Fehlanzeige! Oder mal eine Predigt außerhalb der üblichen Zyklen Gideon und Simson gehört? Eine Ursache dürfte unsere moralistische Lesart sein: Die meisten Richter taugen höchstens als negatives Beispiel. Der Ansatz von Keller ist eine Wohltat. Richter ist hochaktuell für unsere Zeit: „Trotz der Lücke von mehr als drei Tausend Jahren, gibt es viele Parallelen zwischen unserer Situation und der Zeit des Buches der Richter (…) Es war eine Zeit des geistlichen Pluralismus“.  Eine düstere Geschichte – wo bleiben da die Helden?

Das Buch der Richter erzählt das Evangelium, die Bibel ist kein „Buch der Werte“: „Sie ist nicht voll inspirierender Erzählungen. Warum? Weil die Bibel (im Gegensatz zu den Büchern auf die sich andere Religionen berufen) nicht darüber handelt, wie man moralischen Beispielen nachfolgt. Sie handelt über einen Gott der Gnade und Langmut, der fortschreitend in und durch uns arbeitet, trotz unseres beständigen Widerstandes gegen seine Absichten. Letztlich gibt es nur einen Helden in diesem Buch und er ist göttlich. Wenn wir diesen Teil der Heiligen Schrift als einen historischen Bericht darüber lesen, wie Gott sein unwürdiges Volk durch und aus dem Dreck ihrere Sünde rettet und zu sich bringt, dann wird sie in unseren Köpfen und Herzen lebendig und spricht in unser Leben und in unsere Situation. „Richter“ ist keine leichte Kost. Doch eine essentiell wichtige für unsere Zeit.“

Im Einleitungskapitel bespricht Keller sechs Lektionen oder Leitthemen im Buch der Richter. Diese habe ich im folgenden übersetzt: Weiterlesen